Einführung in die Bonsai-Kultur

Ansichten von Dr. Michael Kros 
Bilder von H. Rüger, M. Kros, J. Wiegand

Mit diesem Beitrag möchte ich Ihnen den Zugang zu Bonsai erleichtern. Sie werden sehen, dass es nicht allzu schwer ist, einen Bonsai zu einem Prachtstück für Ihren Garten zu entwickeln.

Was ist Bonsai?
Es dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass es sich bei Bonsai nicht um spezielle Züchtungen handelt, sondern um Gehölze, die durch spezielle Pflegemaßnahmen bzw. Umgebungsbedingungen ihre Form und Größe erhalten, ähnlich dem Schnitt bei Obstgehölzen. Der Unterschied besteht natürlich darin, dass bei der Pflege unserer Bonsai eine gewünschte Form das Vorgehen bestimmt. Mehr noch, wir "Bonsaianer" haben das Ziel, einem Baum Ausstrahlung zu verleihen, er soll die Illusion eines ausgewachsenen Baumriesen hervorrufen, dabei Alter und Würde suggerieren. Er kann vielleicht sogar eine Geschichte erzählen, vom Wind oder von den widrigen Bedingungen in den Bergen oder an der Küste.
In Japan, wo die Bonsaikultur nach der Überlieferung aus China auf besonders fruchtbaren Boden fiel, ist Bonsai längst als Kunstrichtung anerkannt. Es gibt Künstler, die mit ihren Schöpfungen Preise erzielen, die dem eines Einfamilienhauses in guter Lage entsprechen. Es finden Ausstellungen und Auktionen statt, auf denen die Baumskulpturen ihre Besitzer wechseln. Oft sind diese Sammler gar nicht selbst in der Lage die hohe Qualität aufrecht zu erhalten - so werden angesehene Bonsaimeister beauftragt, die u.U. das ganze Jahr ein Kunstwerk pflegen und nur zu einer Ausstellung das Exemplar dem eigentlichen Besitzer übergeben.
Aber auch in Japan gibt es durchaus ein großes Publikum, dass sich allein am Anblick eines Bonsai erfreut und diesen im eigenen Garten pflegt und präsentiert. Um das zu tun, sollte man sich mit den Grundbedürfnissen der Bäume vertraut machen und die wichtigsten Pflegetechniken erlernen, dann wird man keine größeren Schwierigkeiten mit seinen Bonsai haben. Das "Gestalten" steht in meinen Augen an zweiter Stelle.

Geeignete Pflanzen
Man unterscheidet häufig zwischen so genannten Indoor- und Outdoor-Bonsai. "Indoors" gibt es allerdings nur bei uns. Sie werden importiert, um als Zimmerpflanzen gehalten zu werden. In ihrer tropischen Heimat (z.B. Südchina oder Taiwan) werden sie draußen kultiviert. Der populärste Indoor ist der Ficus mit seinen zahllosen Varietäten.
Eine Zwitterstellung nehmen die "Kalthauspflanzen" ein, oft ebenfalls als Zimmerbonsai angeboten. Sie kommen eher aus subtropischen Gefilden und benötigen daher einen kühleren Winterstandort, also nicht im Wohnbereich. Damit sind wir auch schon beim häufigsten Pflegefehler des wohl beliebtesten in der Wohnung gehaltenen Bonsai: Die Chinesische Ulme verträgt nicht das ganze Jahr über unser Raumklima, sie sollte, wie auch die anderen Vertreter dieser Gruppe, im Winter kühl gestellt werden. Ob "Indoor" oder "Kalthaus", im Sommer fühlen sie sich im Garten wohl.
"Outdoors" sind insbesondere heimische und japanische Gehölze. Sie sind mehr oder weniger ganzjährig draußen kultivierbar, sollten jedoch im Winter geschützt aufgestellt werden. Ohne den Zimmerbonsai-Freunden den Spaß verderben zu wollen, möchte ich behaupten, dass bei heimischen und auch bei den japanischen Pflanzen die wenigsten Probleme in der Kultivierung auftreten. Die idealen Klimabedingungen herrschen nun mal im Garten und nicht im Wohnzimmer - und auch die Präsentation gelingt im Rahmen eines japanisch angehauchten Gartens glaubwürdiger. Das scheinen auch die Gründe dafür zu sein, dass sich die Mehrheit der engagierten Bonsaifreunde früher oder später mit einheimischen oder japanischen Bonsai befasst. So erlaube ich mir, die weiteren Ausführungen auf Gehölze für draußen zu beschränken.

Pflanzenbeschaffung
Es stehen prinzipiell drei Bezugsquellen zur Verfügung: Bonsaifachhändler, Sammeln in der Natur und Baumschulen. Die Anzucht aus Samen oder Stecklingen möchte ich niemandem empfehlen, es dauert einfach zu lange, bis man ansehnliche Ergebnisse erhält.
Die Bonsaifachhändler importieren i.d.R. aus Japan bzw. sie beziehen ihre Ware von Importeuren. Überwiegend handelt es sich dabei um "Rohware". Es sind Bäume, die schon in spezialisierten Anzuchtbetrieben einen kräftigen Stamm und eine mehr oder weniger fein entwickelte Krone entwickelt haben. Sie sind bereits recht schön anzusehen und erlangen in den Händen ihres Besitzers über die Jahre durch konsequente Pflege ihren eigenen Charakter. Selbstverständlich ist es eine Frage des Geldes, das man anlegen möchte, ob man einen Baum hoher Qualität erhält. Falls man sich als Einsteiger für eine hochwertige Pflanze für mehrere tausend Euro entscheidet, sollte man bei der Pflege in der ersten Zeit professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen, um lange Freude an dem Exemplar zu haben.
Sammeln in der Natur stellt eine gute Alternative für Menschen dar, die sich grundlegende Gestaltungsmaßnahmen zutrauen und über das Know-how verfügen, eine ausgegrabene Pflanze zu pflegen und an die Schale zu gewöhnen. Man nennt das auch Yamadori, das bedeutet etwa "aus den Bergen stammend". In unseren Wäldern und Gebirgen finden sich zahllose Bäume, die durch Wildverbiss oder extreme Standorte sehr reizvolle Merkmale aufweisen, die dem Bonsaianer das Herz aufgehen lassen. Das sind z.B. kräftige Stämme mit dynamischer Bewegung oder kompakte, fein verzweigte Kronen. Zwei Dinge sollte man allerdings berücksichtigen: Ohne Genehmigung der Forstbehörde sollte man nichts dem Wald entnehmen, wegen der forstwirtschaftlichen Nutzlosigkeit der kleinen Sträucher ist das jedoch meist kein Problem. Man sollte außerdem bedenken, dass es einer Menge Erfahrung und gärtnerischen Fingerspitzengefühls bedarf, einen seit Jahrzehnten im offenen Boden wachsenden Baum gesund zu erhalten.
Baumschulen bieten in ihrem Sortiment oft Gehölze an, die an die Schale gewöhnt und zum Bonsai gezogen werden können. Auch bei diesen Pflanzen sollte man schon Erfahrungen mit Grundgestaltungen gemacht haben. Ich persönlich finde diese Beschaffungsmöglichkeit nicht sonderlich reizvoll, da es i.d.R. viele Jahre dauert, bis eine Baumschulpflanze die Ausstrahlung eines reifen Baumes erlangt.
Nicht unerwähnt lassen möchte ich speziell für die Bonsaikultur vorgezogene Jungpflanzen aus den wenigen heimischen Anzuchtbetrieben, die eine kostengünstige Möglichkeit darstellen, Erfahrungen zu sammeln und durchaus dekorative, meistens kleinere Bonsai zu ziehen. 

Pflege
Mit der Pflege steht und fällt die Qualität eines Bonsai. Die Gesundheit steht an allererster Stelle. Es geht bei Bonsai nicht darum, Wachstum zu verhindern, sondern, ganz im Gegenteil, gesunden Zuwachs zu erzielen und diesen kontrolliert in die gewünschte Form und in feine Verzweigung zu richten.
Die aufwändigste Gestaltung macht keinen Sinn, wenn die Pflanze kränkelt und nur mit Mühe am Leben gehalten werden kann. Nur ein vitaler Baum wird in uns ein positives Gefühl von Harmonie, Würde und Gelassenheit hervor rufen.
Im Folgenden werde ich versuchen, die wichtigsten Pflegemaßnahmen zu erläutern und die wesentlichen Tätigkeiten auf den Punkt zu bringen.

Standort
Unsere Bonsai benötigen viel Licht und Luft. Sonnenlicht ermöglicht Photosynthese als Basis für jegliches Wachstum. Eine gute Luftzirkulation erleichtert den Gasaustausch und verhindert das Auftreten von Schädlings- und Pilzbefall.
In vielen Büchern ist noch immer zu lesen, dass viele Bäume einen "halbschattigen" Standort bevorzugen. Das sind tatsächlich nur die wenigsten Arten, wie z.B. Azaleen. Die Jap. Ahorne hingegen fühlen sich in der Sonne äußerst wohl. Falls es zu scheinbaren "Sonnenschäden" auf den Blättern kommt, liegt das eher an falschen Gießgewohnheiten bzw. an einer nicht optimalen Versorgung durch das Wurzelsystem. Und das kann unterschiedliche Gründe haben wie schlechte Erde, seltenes Umtopfen usw.
Mit dem idealen Standort sichern wir also die Gesundheit des Baumes.

Gießen
Man erzählt sich, dass Lehrlinge bei Bonsaimeistern in Japan im ersten Jahr nur Gießen erlernen. Auf den ersten Blick erscheint das ein wenig lächerlich. Befasst man sich jedoch tiefer gehend damit, stellt man fest, dass auch mit der Wasserzufuhr bestimmte Ziele erreicht werden können. So lässt sich damit, fein dosiert, die Länge der Nadeln bzw. die Blattgröße eines Baumes beeinflussen. Das ist allerdings ein heikles Unterfangen, will man doch die Vitalität des Baumes auf keinen Fall riskieren.
So sollte man zwei Dinge beherzigen: Zu wenig Wasser verursacht Trockenschäden, zu viel führt zu Wurzelschäden und unschönen Trieben und Blättern. Ein praktikabeles Schema ist folgendes: In der Übergangszeit (Frühjahr, Herbst) nur gießen, wenn die Erde anzutrocknen beginnt. (I.d.R. ist die Feuchtigkeit in tieferen Schichten des Ballens noch ausreichend.) An heißen Tagen im Hochsommer sollte man morgens ordentlich gießen, dabei die Pflanzen so intensiv und lange überbrausen, bis Wasser aus den Abzugslöchern tritt. Im Tagesverlauf machen wir weiteres Gießen vom Verbrauch der Pflanze bzw. der Feuchtigkeit an der Oberfläche abhängig. Einige Bäume brauchen eine zweite "Dusche", vielleicht am Nachmittag, manche kommen bis zum nächsten Morgen aus. Das alles ist abhängig vom Wind, von der Temperatur, von der Größe der Schale und natürlich von der Art der Pflanze bzw. ihrer Gesundheit.

Düngen
Es ist ein Märchen, dass Bonsai durch das Vorenthalten jeglicher Nährstoffe klein gehalten werden. Wir sollten kräftig düngen, um der Pflanze die Möglichkeit zu geben, sich nach unseren Vorstellungen zu entwickeln. Hungernde Bonsai werden blass und schnell krank, da die nötigen (Abwehr-)Kräfte fehlen.
Am besten geeignet ist fester organischer Kugeldünger oder, noch besser, das im Handel mittlerweile problemlos erhältliche BioGold ®, ein organischer Dünger in Form kleiner Pellets mit "Additiven" angereichert.
Wir beginnen die Düngung im Frühjahr, wenn der Austrieb beginnt, tauschen zweimal nach je vier Wochen den Dünger aus. Die Breite der Schale in cm kann als Faustregel für die Anzahl der Pellets herangezogen werden, bei 30 cm Schalenbreite also 30 Stück. (Bei den klassischen Düngekugeln etwa die Hälfte.) Im Hochsommer pausieren wir, um den Austrieb langsam zu bremsen und ein Aushärten der Triebe zu ermöglichen.
Im Spätsommer und Herbst folgt die wichtigste Düngung: Die Anlagen für das kommende Jahr werden angelegt. Ein auf diese Weise gestärkter Bonsai erfreut uns dann mit zahlreichen Knospen und gesundem Austrieb.
Noch eines gilt es zu beachten: Wir sollten nur düngen, wenn Wurzelsystem und Drainage funktionieren. Ein Baum mit Wurzelschaden ist nicht in der Lage, den Dünger aufzunehmen, die Erholung der Wurzeln wird eher erschwert.

Umtopfen
Das Umtopfen hat verschiedene Funktionen. Es ermöglicht Beurteilung und Bearbeitung des Wurzelsystems. Ein gesundes Wurzelsystem ist unerlässlich. So werden kranke und zu kräftige Wurzeln entfernt. Man verbessert dabei auch den Wurzelansatz, das so genannte Nebari. Ein eindrucksvolles Nebari mit gleichmäßigen, in alle Richtungen wachsenden Wurzeln ist ein wichtiges Qualitätskriterium. Durch das Umtopfen kann die verbrauchte Erde ausgetauscht werden gegen eine frische, unbedingt gut durchlässige Erde. Das wiederum ermöglicht eine gute Wurzelentwicklung und sichert somit die Gesundheit des Bonsai.
Die meisten Bäume werden alle 2-3 Jahre umgetopft, insbesondere dann, wenn die Erde beim Gießen das Wasser nicht mehr aufnimmt. Das oberirdische Wachstum wird durch die nun mögliche Wurzelentwicklung angeregt. Reife, bereits fein entwickelte Bonsai werden daher seltener unterirdisch bearbeitet.Der ideale Zeitpunkt ist das Frühjahr, bevor die neuen Knospen austreiben. Die Pflanzen sind dann voller Energie, verdunsten allerdings durch das Fehlen der Blätter kaum Wasser.

Azalee_Wu_be.jpg Doch befassen wir uns mit praktischen Beispielen:
Bei dieser Azalee wird zunächst der Ballen mit Holzstäbchen gelockert, die Wurzeln werden nach außen ausgekämmt. Man kann sich bei einem gesunden Bonsai ohne Gefahr etwa 1/3 weit vorarbeiten. Dann werden die Wurzeln geschnitten, dicke stärker als dünne, so erreichen wir langfristig ein Gleichgewicht im Wurzelsystem.

Manchmal ist es sinnvoll, die alte Erde gänzlich herauszuspülen. Manchmal ist es sinnvoll, die alte Erde gänzlich herauszuspülen. Gerade Freilanderde ist oft stark verdichtet und völlig undurchlässig beim Gießen, z.B. bei Yamadori oder frisch importierten "Rohlingen" aus der Freilandaufzucht. Dieses Vorgehen scheint auf den ersten Blick gewagt, sichert jedoch mittelfristig eine gesunde Entwicklung, da in der neuen Erde die Wurzeln bessere Bedingungen vorfinden.

Hier ist eine spezielle Azaleenerde zu sehen, die in ihrer Konsistenz jedoch der gängigsten Bonsaierde entspicht: Akadama Hier ist eine spezielle Azaleenerde zu sehen, die in ihrer Konsistenz jedoch der gängigsten Bonsaierde entspicht: Akadama. Das ist ein japanisches Lehmgranulat, das zwei sehr wichtige Eigenschaften in sich vereint. Akadama speichert Wasser ohne dabei die Drainage zu behindern. Es ist dauerhaft körnig, somit sehr gut wasser- und luftdurchlässig. Wer es ganz genau nimmt, siebt die feinen Partikel heraus, um die genannten Eigenschaften voll ausnutzen zu können.

Der Schalenboden ist mit besonders grober Körnung bedeckt. Der Schalenboden ist mit besonders grober Körnung bedeckt. Der Baum ist bereits darauf gesetzt. Das übrige Granulat wird mit einem Stäbchen in die Zwischenräume eingearbeitet. Zum Schluss wird kräftig gegossen, um den restlichen Staub auszu-schwemmen. Die Pflanze wird dann windgeschützt aufgestellt und erst wieder gegossen, wenn die Erde anzutrocknen beginnt. Die Schale ist bewusst etwas zu groß gewählt, da sich die Pflanze noch im Aufbau befindet.

An einem anderen Beispiel (Jap. Fächerahorn, Acer palmatum) möchte ich Ihnen die Vorbereitung der Schale vor dem Umpflanzen zeigen. An einem anderen Beispiel (Jap. Fächerahorn, Acer palmatum) möchte ich Ihnen die Vorbereitung der Schale vor dem Umpflanzen zeigen. Um dem Bonsai sicheren Halt zu geben, werden Drähte durch die Abzugslöcher der Schale gezogen, mit denen der Baum befestigt wird. Die Abzugslöcher sind außerdem mit Netzen abgedeckt, damit die Erde nicht ausgeschwemmt wird.


Hier sehen sie die geeigneten Schalenproportionen. Hier sehen sie die geeigneten Schalenproportionen. Die Schale sollte die Gesamterscheinung abrunden, wie der Rahmen eines Bildes. Als Faustregel für die Breite der Schale kann man 2/3 der Baumhöhe annehmen. Dünne Stämme erhalten flache Schalen, dicke Stämme etwas höhere. Die Schalenhöhe sollte etwa dem Stammdurchmesser entsprechen. Für Laubbäume verwendet man wegen ihrer zarten Erscheinung meist glasierte Gefäße, für Nadelbäume, die eher grob wirken, unglasierte.


Schneiden

Das Schneiden gehört sicher zu den wichtigsten Maßnahmen, die man erlernen sollte. Es bestimmt insbesondere bei Laubbäumen die Form, erhält die Gesundheit und stellt die Weichen für die zukünftige Entwicklung.
Den Gestaltungsschnitt im engeren Sinne werden wir hier weniger beleuchten, er wird regelmäßig in unserer Zeitschrift behandelt.
Der Pflegeschnitt erfolgt in erster Linie außerhalb der Vegetationsperidode. Überflüssige Äste und Zweige werden entfernt, schwache Bereiche des Baumes werden gefördert, starke gebremst. Die Zeit vor dem Neuaustrieb eignet sich besonders gut, das fehlende Blattkleid ermöglicht bei den Laubbäumen eine bessere Beurteilung der Verzweigung, außerdem ist schon genau zu sehen, wo kräftige Knospen entstehen und welche Schäden möglicherweise der Winter hinterlassen hat.
Welche Äste und Zweige sind nun überflüssig? Dabei sollten wir uns immer die gewünschte Form vor Augen führen. Insbesondere sich kreuzende Äste, nach innen wachsende, unschön verlaufende oder verdickte Äste werden am Ansatz entfernt, größere Wunden werden mit spezieller Paste verschlossen.
Um eine feine, sich verjüngende Verzweigung zu erreichen, belassen wir an Gabelungen nur zwei neue Triebe. Stellen, an denen drei oder mehr neue Zweige entspringen, werden entsprechend zurückgeschnitten. Unter Umständen ist es nötig, einen derartigen „Knoten“ ganz zu entfernen, um dort keine hässliche Verdickung zu erhalten. Bei Laubbäumen kürzen wir die Zweige des vergangenen Jahres auf etwa 2 bis 3 Nodien ein, um jedes Jahr nur einen begrenzten Zuwachs zu erhalten.
Eine Sonderform des Schneidens ist das Pinzieren, dabei wird während der Vegetationsperiode der Neuzuwachs bearbeitet. Dieser Vorgang wird unten gesondert beschrieben.

Krankheiten
Wir sollten versuchen, durch geeignete Prophylaxe Schädlings- und Pilzbefall von vornherein zu verhindern. Das bedeutet, den Bäumen optimale Bedingungen zu schaffen. Ein luftiger Standort, viel Sonne, geeignete Erde und Düngung erbringen gute Widerstandskräfte, die einen Befall unwahrscheinlich machen. Eine geschwächte Pflanze ist selbstverständlich viel anfälliger.
In Japan wird im Winter eine vorbeugende Spritzung mit verdünntem Jin-Mittel durchgeführt, das eigentlich zum Bleichen toten Holzes verwendet wird. Bei Laubbäumen verwendet man eine Konzentration von 1:20, bei Nadelbäumen 1:30, um die ja auch im Winter vorhandenen Nadeln nicht zu schädigen.
Sollte es dennoch zu einem Befall kommen, verwenden wir handelsübliche Spritzmittel nach Isolierung der kranken Pflanze. Die Ursachen sollten wir suchen, so können wir vielleicht einen Pflegefehler aufdecken.

Überwinterung
Die heimischen und japanischen Pflanzen vertragen ohne weiteres ein paar nächtliche Frostgrade zu Beginn des Winters, das erhöht die Widerstandskräfte. Kommt es zu Dauerfrösten, erleiden die Bäume eher Trocken- als Kälteschäden. Die Wurzelballen sind durchgefroren, das aus der Krone verdunstete Wasser kann nicht über die Wurzeln ersetzt werden. Daher sollte man ein geeignetes Winterlager schaffen, in dem die Bonsai vor heftiger Kälte geschützt sind, aber dennoch genug Licht erhalten ohne durch zu hohe Temperaturen zu verfrühtem Austrieb angeregt zu werden. Gefährlich sind dann späte Fröste, die im April oder sogar Mai den Austrieb zerstören und so die Pflanze erheblich schwächen können. In dieser Zeit gilt es, abhängig von aktuellen (Nacht-)Temperaturen einen Schutz bereitzustellen.

Chinesische Wacholder (Juniperus chinensis) gehören sicher zu den populärsten Koniferen. Dieses Exemplar entstand aus japanischer Qualitätskriterien
In dem vorhergehenden Beitrag habe ich in der Einführung das Ziel formuliert, „einem Baum Ausstrahlung zu verleihen“, er solle „die Illusion eines ausgewachsenen Baumriesen hervorrufen, dabei Alter und Würde suggerieren.“ Daraus können wir Qualitätskriterien ableiten.
Alte, ausdrucksstarke Bäume haben einen breiten, gleichmäßigen Wurzelansatz (Nebari), einen kräftigen Stamm mit Verjüngung, starke Äste mit feiner Verzweigung sowie eine ausgewogene Belaubung mit gleichmäßiger Vitalität über die gesamte Krone. Starke Schnittstellen dagegen wirken unnatürlich, eingewachsener Draht dokumentiert wenig sorgfältige Pflege. Es gibt jedoch noch viele andere Merkmale, die Alter suggerieren, so z.B. Totholzbereiche, die an extreme Standorte in den Bergen oder an der Küste erinnern.

Präsentation in der Ausstellung der World Bonsai Convention 2001 in München. Saburo Kato, Präsident der World Bonsai Friendship Federation, mit Daizo Iwasaki, einem der bedeutendsten Sammler Japans und Schirmherr der Veranstaltung. Würde und Reife werden durch Details ausgestrahlt, die eine besonders hochwertige Pflanze ausmachen. Vereinfacht könnte man das als Patina bezeichnen, also Spuren der Zeit, die nicht einfach von Menschenhand beliebig „gestaltet“ werden können. „Mochikomi“ heißt es in Japan, es bedeutet etwa soviel wie „durch Pflege gereift“. Merkmale, die das ausstrahlen, sind z.B. eine besonders reizvolle Rinde oder langsam wachsende, feine Flechten auf der Erdoberfläche und am Wurzelansatz, rissige, silbrig glänzende Bereiche toten Holzes oder auch ein zarter, matter Glanz einer alten Bonsaischale. Vielen mögen auch die Begriffe „Wabi“ und „Sabi“ als Termini japanischer Ästhetik bekannt sein, die diesen erstrebenswerten Zustand beschreiben.

Präsentation in vollendeter Form: Eine Tokonoma auf der World Bonsai Convention mit Bonsai, Rollbild und Akzentobjekt. Präsentation
Im eigenen Garten eignen sich einfache Holzregale gut zum Aufstellen der Bäume. Nur vorübergehend sollte man die „Outdoors“ ins Haus holen, z.B. um ein paar Tage die Blüte zu genießen. Bonsai werden zu diesem Zweck in Japan oft in einer Kunstnische, der „Tokonoma“ präsentiert. Dabei wird der Baum durch ein Objekt und ein Rollbild ergänzt, die die Ausstrahlung bzw. Stimmung des Baumes aufnehmen und ergänzen sollen. Als Objekte findet man oft Beistellpflanzen, ausdrucksstarke Steine (Suiseki) oder auch kleine Bronzefiguren.
Einen blühenden Aprikosenbonsai kann man z.B durch ein frisches Gras in einer kleinen Schale und eine filigrane Tuschezeichnung ergänzen. Zu einem alten Wacholder passt vielleicht ein Suiseki, der an ein Gebirge erinnert, und ein Rollbild mit einem Wasserfall. Hier ist viel ästhetisches Fingerspitzengefühl gefordert, eine allgemein gültige Regel lässt sich nicht formulieren.

Aktuell: Pinzieren
Laubbäume werden pinziert, sobald sie austreiben. Hier sehen Sie den Vorgang am Beispiel eines Fächerahorns (Acer palmatum). Je früher wir den Mitteltrieb aus dem ersten Blattpaar entfernen, desto kürzer wird das Internodium, der Abstand zwischen den Aufzweigungen. Diesen Vorgang wiederholen wir in den Frühlingswochen so oft wie möglich. Wer es ganz genau nimmt, inspiziert seine Pflanzen täglich, um die „fälligen“ Triebe zu pinzieren. Die Belohnung ist eine sehr feine Verzweigung, die anders nicht zu erzielen ist.

Das Bild zeigt einen Ahorn im April. Die Knospen brechen auf und geben die frischen Triebe frei. (Die Spuren einer früheren Drahtung sind leicht als Makel zu erkennen.)Das erste Blattpaar hat sich kaum entfaltet, in der Mitte kommt das nächste Blattpaar zum Vorschein. Mit einer Pinzette fassen wir den Mitteltrieb und zupfen ihn heraus. Nun ist das Längenwachstum gebremst, der Abstand zwischen der ehemaligen Knospe und dem Blattpaar wird sehr kurz bleiben. Je länger man damit wartet, desto länger werden die Internodien.