Der Veranstaltungsband der 5th World Bonsai Convention in Washington 2005

Alle vier Jahre findet seit dem 6.4.1989 eine große Versammlung der WBFF (World Bonsai Friendship Federation) statt. 2001 wurde sie in München abgehalten, 2005 in Washington, der Hauptstadt der USA. Der nun erschienene Bildband zu diesem Ereignis dokumentiert nicht nur die ausgestellten Bonsai, Suiseki und Schalen, sondern auch die Geschichte des modernen Bonsai aus der Sicht der Vereinigten Staaten.

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Wenn Sie einen Bildband erwarten, der ausgezeichnete amerikanische Bonsai zeigt, so werden Sie enttäuscht werden. Dieses Buch kann diesen Wunsch nicht erfüllen, wie auch schon die Ausstellung auf der vierten Welt-Bonsai-Zusammenkunft keine „Schau der besten Bonsai“ war und auch nicht sein wollte. Bei dieser Veranstaltung vom 28. bis 31 Mai 2005 standen andere Dinge als die Frage „Welcher ist der Schönste?“ im Vordergrund. Es ging um die Frage: Kann Bonsai mehr sein als nur ein nettes Hobby, bei dem man kleine Bäumchen in seinem Garten kultiviert? Es ging auch nicht um die hohe Bonsaikunst. Bonsai ist im Zusammenhang der WBFF die Basis und gleichzeitig ein Mittel für einen höheren Zweck: Die Welt zusammenzubringen! Dahinter steht eine Idee, die in den 80er Jahren von Saburo Kato und John Y. Naka vorangetrieben wurde. Die alten Männer, beide Japaner, der eine im Osten der andere im Westen sozialisiert, wollten etwas zusammenbringen, eine Brücke schlagen über den größten Ozean der Welt und vielleicht den größten Konflikt der Welt überbrücken, der beider Welt zerrissen hat: den 2. Weltkrieg, oder, wie er in Japan und USA genannt wird, den großen pazifischen Krieg. Kein kleines Unterfangen, das da den kleinen Bäumen zugemutet wurde. Aber es waren ja nicht die Bonsai, die das leisten sollten, sondern Kato und Naka setzten auf die Kraft des Überlebens und des Widerstandes gegen die Vernichtung, die auch den Menschen innewohnt. Diese Kraft wollten sie mit ihrer Initiative mobilisieren und sahen sie in Bonsai symbolisiert. Mancher wird diese beiden Botschafter einer vielfach belächelten „lebenden Kunstform“ mit ihrem Anliegen vielleicht nicht ganz ernst genommen haben, aber ihr „Friedensbonsai“ wächst, langsam und stetig, gepflegt von mittlerweile vielen Menschen in aller Welt. Die Überzeugung und Kraft kann man spüren.


Von der Idee nun zum Buch. Auffallend viele Textbeiträge stellen, neben den oben erwähnten, weitere wichtige Personen und auch das nationale Bonsai und Penjing Museum vor. Personen und Institutionen bilden das symbolische Rückgrat der Bonsai-Friedensbewegung und machen folgerichtig einen wichtigen Teil des Buches aus. Die ersten 50 Seiten des Bandes schließen mit der Einladung zur 6. Zusammenkunft 2009, die in Puerto Rico, Mittelamerika, stattfinden wird.


Im Anschluss fühlt man sich wieder ganz zuhause, denn nun werden die Ausstellungsstücke präsentiert. Sehr gute Fotos von über 50 Bonsai und Bonsaiarrangements, einer ähnlichen Zahl von Suiseki und danach noch einmal 25 Seiten mit Abbildungen von Bonsaischalen. Kurz möchte ich nun doch auf die Qualität der präsentierten Bonsai eingehen. Auffallend sind die vielen vertretenen Arten, u.a. auch subtropische und tropische Spezies. Ficus wird neben Chin. Wacholder, unsere Föhre neben einer Thuja ausgestellt. Überhaupt liegen Scheinzypressen in der amerikanischen Gunst scheinbar weit vorne. Auch die dort heimische Lärche, äußerlich kaum von unseren Arten zu unterscheiden, ist stark vertreten. Nick Lenz, dessen Buch ich vor längerer Zeit einmal hier rezensierte, hat zwei Exemplare ausgestellt. Ein Display arrangierte er mit einem schneckenartigen wohl selbstfabrizierten Fabeltier mit Stielaugen. Respektlos, könnte man meinen, aber nachdem ich den strengen Blick etwas abgemildert hatte, gefiel mir sein spielerisch ironischer Umgang mit den Konventionen. Insgesamt ist jedoch die Reife der meisten ausgestellten Bonsai für solch ein hochqualifiziertes Ereignis nicht als ausreichend anzusehen.


Abschließend kann ich dieses Buch denjenigen empfehlen, die sich für die Entwicklung des Bonsai im Westen interessieren. Wenn man des Englischen mächtig ist, erhält man mit diesem Veranstaltungsband interessante Informationen zu dem Thema.
(Zusätzliche Informationen zu der 5th World Bonsai Convention in Washington finden Sie auch in BONSAI ART 73.)