„Landschaften mit Bonsai gestalten“
Anleitungen für 17 Bonsai-Miniaturen

von Su Chin Ee

Geht hier nicht schon im Titel begrifflich einiges durcheinander? Handelt es sich wirklich um Bonsai oder sind nicht eher Penjing gemeint, wenn es um Landschaftsgestaltungen geht? Su Chin Ee stammt aus Singapur, einer Metropole, die viele asiatische Kulturen vereint. Heute lebt und lehrt sie in England, was die Einflüsse auf ihre Arbeiten um den westlichen Kulturhintergrund erweitert. Insofern ist es vielleicht kein Durcheinander, was Su Chin Ee uns in ihrem Buch vorstellt, sondern ihre individuelle Art, Bonsai zu verstehen, ein Stilmix über die verschiedenen Kulturen hinweg, der nur eines im Sinn hat: Freude an der Gestaltung phantasievoller Landschaften zu vermitteln.

chin.jpg Was bietet nun dieses Buch? Bei Ulmer erschienen, erwartet man natürlich ein gut gemachtes „buntes“ Buch, und wird nicht enttäuscht. Eines fällt jedoch bereits beim ersten Durchblättern auf: Es ist ein typisch englisches Buch. Alles dreht sich bis ins Detail darum, wie man’s macht. Es reicht nicht zu schreiben, dass eine Schere oder Kaninchendraht von Nöten ist, sondern alle Materialien und Werkzeuge werden abgebildet. Nach einem Vorwort und einer Einführung werden die einfachen Techniken vorgestellt, die man lernen muss, um belebte Landschaften im chinesischen Stil herzustellen. Eine zentrale Rolle nehmen dabei die Behältnisse ein. Gemeint sind die aus Drahtgeflecht, Glasfasermatten und Zement hergestellten Felsen, Platten und „Bergformationen“, auf und um die herum die Pflanzen gesetzt und die Figuren arrangiert werden.
Schritt für Schritt werden die einfach nachzumachenden Techniken erklärt und Handgriffe gezeigt. Mit diesen „Kochrezepten“ wird Jede/r in die Lage versetzt, ausdrucksstarke Felsformationen zu gestalten. Diese bilden zusammen mit Suibans oder Tabletts die „Landschaft“, die vielleicht eine natürliche Szene darstellt aber auch eine Phantasie oder Allegorie verbildlichen kann.
Damit sind wir bei den Landschaften. Collin Lewis, selbst Buchautor und ein ausgemachter Experte in Sachen Bonsai, nennt Su Chin Ees Arbeiten Kunstwerke. 17 Szenen sind in dem 130 Seiten starken Softcover-Buch enthalten. Immer wird im Detail gezeigt, wie sie entstanden und nachzugestalten sind. Fast immer sind es exotisch klingende Namen, die den Szenerien gegeben wurden: „Die Acht Unsterblichen (Ba Xian)“ etwa, oder „Felsstufen zum Himmel (Shi Bu Tian)“. Deutlich ist die Herkunft der Autorin aus dieser uns so fremden Kultur zu spüren. Die Arrangements selber sind dagegen gut nachvollziehbar, wenn auch manches Material nicht leicht bzw. nicht billig zu bekommen sein wird.
Die 17 vorgestellten Landschaften sind so vielfältig, dass immer wieder andere Schwerpunkte gesetzt sind. Ist es einmal ein besonders interessanter Baum, der über einen Zeitraum von mehreren Jahren vorbereitet werden muss, so ist es vielleicht im nächsten Arrangement vor allem die Technik eines kleinen Wasserfalls, oder, ganz apart, eine Felsformation aus Stein, Metall und Holz. Su Chin Ee scheint keine Tabus bei der Realisierung ihrer Einfälle zu kennen. Der Leser erfährt dadurch viel über Verwendung, Kombination und Wirkung verschiedener Materialien. Wer würde es wagen, Aluminiumfolie als „Silberberg“ in eine Landschaft zu integrieren.
Aber auch sehr traditionelles Handwerk findet man gut beschrieben in diesem Buch. Wissen Sie genau, wie man Bambus schält, um ihn zu vermindertem Wachstum zu veranlassen? Oder wie man einen Wurzelstamm oder eine Flossform kultiviert? Su Chin Ee zeigt es in wenigen Bildern ohne lange Erklärungen. Perfektion im Detail ist nicht ihre Sache, Pragmatismus, Improvisation und ein sicheres Gefühl für stimmige Wirkungen kann man von ihr lernen.
Als ich „Landschaften mit Bonsai gestalten“ in die Hände bekam, war mein erster Impuls, dieses Buch wegzulegen. Ich bin trotzdem dabei geblieben und merkte schnell, wie anregend es sein kann, sich geleitet von Su Chin Ees Ideen Phantasien über Pflanzen und Materialien zu machen, die man in seinem Garten gesammelt hat. Was hat mich an diesem Stein/Baum, damals als ich ihn fand, noch so fasziniert? Was fehlt mir noch, um diese Idee zu realisieren, und lässt sich das nicht leicht herstellen? Das Buch ist von dieser sehr anregenden Art. Es erzeugt Phantasielandschaften im Kopf, auch wenn diese dann realisiert nicht so aussehen, wie die von Su Chin Ee. Gehen Sie doch einmal durch Ihre Bonsaisammlung oder schauen Sie einmal die nett gemeinten „grünen“ Geschenke auf der Fensterbank mit ihren Luftwurzeln und Kappstellen durch! Steht da nicht vielleicht ein „Fliegender Drache“, der nur auf einen dekorativen Felsen aus Zement wartet, auf dem er sich eindrucksvoll niederlassen kann? Es muss ja nicht chinesisch sein. Auch die Nibelungen hatten ihren Lindwurm.


(„Landschaften mit Bonsai gestalten“, Anleitungen für 17 Bonsai-Miniaturen, von Su Chin Ee, 128 Seiten, Softcover, 19,90 Euro)