„Pflanzenkrankheiten erkennen und behandeln“ von Jochen Veser

„Ästhetik und Bonsai. Praktischer Ratgeber. Band 2“ von François Jeker

Veser_2007.jpgWer das Buch von Somm bzw. meine Besprechung an dieser Stelle in BONSAI ART 23 kennt, dem wird die Philosophie des Buches von Veser nicht fremd sein.
Auch in seinem Buch geht es um das Herstellen guter Wuchsbedingungen als besten Schutz vor Krankheiten. Erst dann werden Maßnahmen zur Bekämpfung zunächst einmal ohne Chemiekeule vorgeschlagen. Wenn damit kein Erfolg zu erzielen ist, wird quasi als letzter Verteidigungswall die Chemie zur Hilfe gerufen. Veser kommt dabei gänzlich ohne eine Ideologie aus, sei sie nun ökologisch oder Natur beherrschend. Ihm geht es um einen sinnvollen und angemessenen Umgang mit den häufigsten Bedrohungen unserer Pflanzen, und er sagt es deutlich, wenn keine Hoffnung auf Genesung besteht.
Zu erwähnen ist, dass der Autor natürlich bei der Beschreibung von beispielsweise Kiefernkrankheiten von Bäumen ausgeht, die aufgrund ihrer Größe natürlich im Normalfall nur eingeschränkt zu behandeln sind, was ja für unsere kleinen Bäume nicht in dem Maße gilt. Die genaue Beschreibung der Schadentwicklung erlaubt jedoch dem Bonsaianer leicht einzuschätzen, welche Bekämpfungsmethode in seinem Fall sinnvoll erscheint.
Nachdem bedauerlicherweise der Ratgeber zu Krankheiten unserer Bonsai von J.D. Somm vergriffen ist, fehlte ein an den praktischen Bedürfnissen der Bonsaianer orientiertes Buch, um Pflanzenkrankheiten zu erkennen und zu behandeln. Ulmers Büchlein ist wie geschaffen für die Diagnose und Therapie unserer geschwächten Lieblinge. Auch wenn es nicht speziell für unsere Zwecke verfasst wurde, gibt es mit 274 Farbfotos und 11 Tabellen viel praktische Hilfe und ist mit knapp 10 Euro auch noch sehr preiswert.

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Dies ist der Folgeband von Jekers Bonsaiästhetik Band 1, den ich im Januar 2001 rezensierte. Damals war ich sehr froh über das Erscheinen eines Buches mit fundierten Überlegungen zum Thema „Was ist schön im Bonsai?“
Der/die geneigte Leser/Leserin möge, um Jekers Vorgehensweise zu verstehen, die alte Rezension in Heft 45 nachlesen. Dort merkte ich bedauernd an, dass die Auswahl der Beispielbäume, die wesentlich in Europa kultiviert waren, die recht hohen Ansprüche von Jekers Vorstellungen vom Kunstschönen nicht ganz erfüllten. Den Vorwurf, dass die von Jeker analysierten Bäume „Gefälligkeitsgutachten“ ausgestellt bekamen, kann ich in seinem neuen Buch nicht aufrechterhalten.
In diesem zweiten Band hat er sich die Mühe gemacht, neun Kokufu - Bonsai detailliert zu zeichnen und dann zu analysieren. Er verwendet dazu die neun Elemente, die er im ersten Band zu Kategorien entwickelte: Leere, Raumtiefe, dynamisches Gleichgewicht, Impuls, Bruch, Kompaktheit, Asymmetrie, Rhythmus und Einheit. Jedes einzelne der Meisterwerke zeichnet sich durch die Betonung eines dieser Elemente aus und erzeugt dadurch im Betrachter bestimmte Emotionen. Darin sieht Jeker die herausragende Qualität bestimmter Bonsai. Das heißt für ihn auch, dass die Regeln, die für alle Bonsai gelten sollen, für einzelne, bestimmte Bonsai, die besonders pointiert gestaltet sind, nicht kategorisch gelten. Ein Baum, der den Anspruch erhebt, ein Meisterwerk zu sein, muss die Regeln überschreiten.
Nach der Analyse der ausgewiesenen Meisterwerke wagt sich Jeker dann an ein eigenes Projekt. Er gestaltet eine Bergkiefer. Dabei ist weniger die Bearbeitung im Einzelnen bemerkenswert - Ähnliches kann man in vielen Bonsaiheften dokumentiert finden - vielmehr schafft er es, den Leser für seine fortlaufend fragende Haltung an den Baum zu interessieren. Nach der ersten eher intuitiven Gestaltung stellt er diese auf dem Hintergrund der vorher beschriebenen Elemente in Frage, verändert die Krone und passt die Form des Shari an die Gesamtform an. Alles das erläutert er schlüssig und überzeugend.
Nach dieser Anwendung seines ästhetischen Konzeptes zeigt Jeker neun europäische Bäume, die z.T. von ihm gestaltet wurden. Den Abschluss bildet ein kurzer Text, in dem er sich gegen starre Regelanwendung und für kreativen, emotionalen Umgang mit Bonsai ausspricht.
Für mich ist dieses Buch eine sinnvolle und konsequente Ergänzung des ersten Werkes von Jeker, das jedem, der an Fragen nach dem Schönen im Bonsai interessiert ist, seine Antworten vermittelt. Ärgerlich für mich war erneut, das die Übersetzung verwirrende Begriffe verwendet (Jahresringe werden z.B. „Holzvenen“ genannt), obwohl sich ein bestimmter Sprachgebrauch eingebürgert hat. Übersetzung ist, wie unsere Redaktion aus eigener Erfahrung weiß, nicht nur eine Übertragung in eine andere Sprache, ohne die Sache wirklich zu verstehen. Ein verantwortungsvolles Lektorat hätte diesen Wehrmutstropfen im sonst reinen Wein dieses empfehlenswerten Buches vermieden.