„BONSAI – Noelanders Trophy 10 years“ der Bonsai Association Belgium

Es gibt nur wenige Ausstellungen in Europa, die über die Ländergrenzen hinweg von internationalen Gestaltern anerkannt sind. Die Noelanders Trophy (N.T.) ist eine davon. Begonnen im Januar 2000 fand sie im letzten Jahr zum zehnten Mal statt. Nun liegt in Form eines Bildbandes die Dokumentation der 10 Ausstellungen vor. Schauen wir uns gemeinsam an, was da in einem Jahrzehnt auf belgischem Boden gewachsen ist.

10 Years Noelanders Trophy Das Hardcoverbuch, das etwa das Format der BONSAI ART hat, ist schön ausgestattet. Die Fotos sind von sehr guter Qualität und das Layout einfallsreich und edel. Leider musste ich, um den Umfang anzugeben, die Seiten des Buches selbst nachzählen: Es gibt keine durchgehende Nummerierung! 250 Fotos sind konsequent den 10 einzelnen Veranstaltungen zugeordnet und die ca. 230 Seiten sind innerhalb dieser auch nummeriert, so dass man z.B. unter N.T. VIII 25 Seiten findet. Das Register am Ende des Buches führt alle abgebildeten Bonsai unter den Namen ihrer Aussteller auf – natürlich geordnet nach diesem System: Z.B. heißt „Udo Fischer VIII 13“, dass er auf der achten Noelanders Trophy eine Lärche ausgestellt hat, die auf Seite 13 dieses Kapitels abgebildet ist. Man kann so natürlich einen Baum finden, aber es ist doch etwas umständlich. Auch mit anderen Zahlen hatten die Macher des Buches wohl Probleme. Erst für die zehnte, die letzte Ausstellung werden die Bonsai mit Größenangaben versehen. Endlich! möchte ich sagen, denn ohne diese ist eine Beurteilung der Qualität sehr erschwert.
Jede Noelanders Trophy stellt also ein separates Kapitel dar. Es wird eingeleitet mit einigen wenigen Bildern der Demonstratoren. Auf einer weiteren Seite finden sich Fotos aus der Ausstellung sowie des Gewinners bei der Preisverleihung. Natürlich wird danach der Gewinnerbaum besonders hervorgehoben. Diese Struktur hält der Band für alle Ausstellungen durch, nur von der ersten Trophy des Jahres 2000 standen scheinbar nur wenige gute Fotos zur Verfügung, so dass diese Veranstaltung nur unzureichend dokumentiert ist.
Nach den formalen Dingen nun zu den Inhalten. Auffallend ist, dass unter den abgebildeten Bonsai zwar auch einige sind, die offensichtlich auf in Japan kultiviertem Ausgangsmaterial basieren. Aber ein hoher Anteil, auch der Gewinner, ist aus Rohmaterial entwickelt, das aus Europa stammt. Darunter sind viele Yamadori, aber auch ehemalige Baumschulware. Vor allem die Briten zeigen ausgezeichnete Bonsai, deren Basis ganz klar aus der Hecke, dem Moor oder den Bergen stammt. Auch unter den zehn Gewinnern, die mit Ausnahme von Udo Fischers Dreispitzahorn im letzten Jahr alles Nadelgehölze – meist Wacholder – waren, finden sich immerhin vier oder fünf, die wohl schon ihr Leben lang in unseren Breiten kultiviert wurden bzw. Yamadori sind. Apropos Gewinner: Die Idee eines „Best in Show“ ist immer problematisch, denn jeder Bonsai hat, ist er harmonisch aufgebaut, seine eigene Ästhetik, die sich kaum mit der besonderen Schönheit eines anderen Bonsai vergleichend bewerten lässt. Oft wirken die Gewinner etwas glatt und gefällig, zeigen viele bekannte und eher konservative Lösungen der Gestaltung. Das ist auf der Noelanders Trophy nicht anders als auf anderen Ausstellungen bis hin zur Kokufu-ten. Trotzdem erfüllen diese „Stars“ auch eine wichtige Funktion, denn sie markieren einen, wenn auch vorläufigen, Höhepunkt der Entwicklung von pflegerischen und gestalterischen Fähigkeiten.
Auch die Entwicklung der technischen und ästhetischen Fähigkeiten der Aussteller auf der Trophy lässt sich in dem Band gut ablesen. Erkennbar ist, dass die Gestalter schon in den ersten Jahren mit ihrem Material umzugehen wissen, aber erst in den letzten tritt bei einigen Stücken der „human touch“ soweit zurück, dass die Bonsai ihr „Gemachtsein“ wieder verlieren. Kronen, die wärmenden Kaffeemützen ähneln, lösen ihre Geschlossenheit in Transparenz auf. An die Stelle akkurater  Frisuren tritt, was die Japaner Mochi-komi nennen, ein Ausdruck ungekünstelter Reife, von der etwas „un-menschliches“ ausgeht. Vielleicht drückt ein Satz, den ich einmal von einem erfahrenen Gestalter hörte, das Gefühl am besten aus, das den Betrachter für einen Bonsai gefangen nehmen kann: „Als ich einmal in einer Ausstellung zu meinem Bonsai kam, schien er mir fremd, so als hätte ich ihn nicht selbst gemacht. Das habe ich wohl auch nicht ganz.“

„Bonsai – Noelanders Trophy 10 years".
Hrsg.: Bonsai Association Belgium.
244 Seiten, 21cm x 27cm, 4-farbig, mehrsprachig, Hardcover, 49,90 Euro. 

Erschienen in {ln:BONSAI ART 100 'BONSAI ART 100} 

„The Needle Juniper (Juniperus rigida)“, aus der Reihe „Working Bonsai“ des Shinkikaku-Verlags

Was wie ein sehr spezielles Buch erscheint, auch noch in englischer Sprache verfasst, ist eigentlich eine Art Comic, der in der Tradition japanischer Bildgeschichten, den Manga, steht. Geringe Englischkenntnisse sind also kein Problem. Zwar ist das Buch auf die nadelförmig wachsenden Wacholder zugeschnitten, in vielen Teilen jedoch stellt es den Prozess des „Bonsai machens“ auf ausgezeichnete Weise dar, kann somit für die Entwicklung jedes Bonsai nützlich sein.

The Needle juniper – Working Bonsai Daraus, dass ich dieses Buch schon in der Einleitung anpreise, können Sie schließen, wie es mich beeindruckt hat. Tatsächlich halte ich es, ähnlich wie die regelmäßig in der BONSAI ART erscheinenden Shohin-Bildergeschichten, für ein Grundlagenwerk der Bonsaigestaltung. Auf nur 120 Seiten findet man hunderte von Zeichnungen, die Schritt für Schritt die Bearbeitung und Veränderung einer Pflanze auf dem Weg zum Bonsai zeigen.
Worum geht es im Einzelnen? Nach einer Galerie mit wirklich exzellenten Igelwacholdern folgen sieben Teile:
•     Bearbeiten eines ausgegrabenen Baumes
•     Einen Baum aus einem Steckling entwickeln
•     Einen Wacholderwald gestalten
•    Gegenwart,Vergangenheit und Zukunft verschiedener Bonsai
•     Totholz bearbeiten
•     Arbeitsplan
•     Besonderheiten der Wacholderpflege
Diese Themen leben von den sehr klaren Zeichnungen mit kurzen Begleittexten. Dazu gibt es jeweils einen Text eines Spezialisten zu lesen. Ein paar Fotos (leider schwarz-weiß und unscharf) komplettieren die Kapitel.
Am Beispiel des ersten Teils, der mit etwa 30 Seiten auch der längste ist, möchte ich die Qualitäten dieses Buches verdeutlichen. Schnell wird klar, dass ein Yamadori nicht mehr und nicht weniger ist als eine Ausgangsbasis, ein Grundstock. Alle Äste und Zweige müssen aus frischen Trieben ganz neu aufgebaut werden. Im Prinzip werden alle Bonsai, auch und gerade die Laubbäume, aus diesem Rohmaterial entwickelt. Der Text leitet von einem Entwicklungsschritt zum nächsten, stellt die wichtigen Aspekte heraus, nennt die entscheidenden Zeitpunkte.
Wer behauptet, für einen Bonsai gäbe es kein Rezept, der sollte dieses einmal versuchen. Der Autor macht zwar keine Zeitangaben, aber er beschreibt genau, wie weit die Pflanze sich erholt haben muss und wie man das erkennen kann. Damit sind die Tipps auch unabhängig vom Klima – die Entwicklung des Baumes gibt das Tempo vor. Weiter geht es mit der Festlegung der Hauptäste und dem Problem, wann genau die Triebe zu drahten sind. Immer wieder wird deutlich, wie vorsichtig der Umgang mit dem Baum ist und wie gleichzeitig eine konsequente Bearbeitung angestrebt wird. In den Zeichnungen und Texten drückt sich eine große Sicherheit aus, die der Autor durch jahrelange Erfahrung gesammelt hat. Am Ende steht ein Bonsai, dessen Form bereits in den Anfängen klar vor Augen des Gestalters stand.
Zu lehren, was man wann und wie tut, ist das Anliegen dieses Buches. Wo z.B. in den Büchern von John Y. Naka die Ausgangslage und das Endergebnis festgehalten ist, so findet der Wissbegierige in diesem Buch eine Anleitung in kleinen Schritten, an die er sich nur halten muss, um gute Ergebnisse zu erzielen.
Nach all dem Lob nun doch ein paar Wermutstropfen, die aber meine Freude über dieses Buch nicht wirklich schmälern. Die wenigen schlechten Fotos hatte ich erwähnt und auch das in der Inhaltsangabe aufgeführte Glossar sucht man vergebens. Die Texte sind – freundlich gesprochen – nachlässig editiert worden. Das ist zwar manchmal ärgerlich, aber wichtig ist, dass dieses Buch nun zur Verfügung steht. Was einen Bonsai zu einem guten Bonsai macht? Durch dieses Buch kann man es verstehen.

{ln:The Needle Juniper - Working Bonsai '„The Needle Juniper (Juniperus rigida)“}. Hrsg.: JARDIN press. 128 Seiten, 22cm x 30cm, 4-farbig, englischsprachig, 34,95 Euro. 

Erschienen in {ln:BONSAI ART 099 'BONSAI ART 99} 

Zwei DVDs mit Gestaltungen von Masahiko Kimura, aufgenommen auf dem II. und IV. Internationalen Kongress Mistral Bonsai in Spanien

Einen großen Meister beim Arbeiten zuzuschauen gehört immer noch zu den beeindruckenden Ereignissen für Bonsailiebhaber. Nicht immer ist dieser Blick nur angenehm. Insbesondere Masahiko Kimura hat mit seinen Extremtechniken das moderne Bonsai geprägt und dabei viele feinsinnige Gemüter verschreckt. Wie kaum ein anderer hat er in der Vergangenheit die Gemeinde gespalten in frenetische Anhänger und entsetzte Verächter. In Südeuropa, besonders in Italien und Spanien, hat er jedoch besonders treue Anhänger. Im April 2003 und 2007 war er in der Nähe Barcelonas auf die große Ausstellung „Premio Olea“ eingeladen, um seine Kunst zu zeigen. Davon gibt es zwei DVDs.

Kimura_DVD_02.jpgKimura_DVD_04.jpg Als ich Mitte der achtziger Jahre die ersten Bilderbücher mit Gestaltungen von Kimura in die Hände bekam, sie wurden mir damals fast wie Geheimakten unter größter Verschwiegenheit und nahezu andächtig gezeigt, war ich wie elektrisiert von dem was ich sah – und konnte es nicht verstehen. Ohne die japanischen Erläuterungen entschlüsseln zu können, schien mir manche Metamorphose eines Baumes in einen Bonsai nicht nachvollziehbar. Einiges blieb magisch und wunderbar verschlossen. Dann tauchte einige Jahre später plötzlich eine halblegale Videokassette mit vier Demonstrationen von Kimura auf, die, mit deutlichen Qualitätsverlusten, von der japanischen Fernsehnorm NTSC auf unser PAL übertragen worden war. Kimuras Haare sahen auf diesem Video aus wie Kiefernnadeln. Die sehr eingeschränkte Erkennbarkeit von Details minderte jedoch kaum meine Begeisterung, den großen Meister arbeiten zu sehen. Es gab auch seine spezifischen Techniken zu bewundern, die damals wie vom anderen Stern schienen. Ich konnte durch die bewegten Bilder mehr von dem verstehen, was da geschah.
Heute haben das Verkürzen von Stamm und Wurzeln und das extreme Biegen von ausgehöhlten Ästen ihren festen Platz im Kanon der Bonsaitechniken. Die vorliegenden DVDs habe ich zugegebenermaßen nicht mit demselben Herzklopfen in Empfang genommen wie das Material der 80er. Nicht nur die Bonsai werden ohne eigenes Zutun älter – die Faszination dieses Mannes und seine Weise zu arbeiten haben mich aber immer noch angeregt.
Die beiden DVDs unterscheiden sich etwas im Aufbau. Die von 2003 zeigt neben den Demos an einem Formosa-Wacholder (Juniperus formosana) und einer Hakenkiefer (Pinus uncinata) auch Bilder der Workshops und aus der Ausstellung. Sie ist in den Sprachen Spanisch, Französisch und Englisch abspielbar und in höherer Auflösung hergestellt. Diese DVD bietet aufgrund dieser Details bei gleicher Laufzeit von etwa 50 Minuten eine größere Vielfalt und scheint mit mehr Sorgfalt hergestellt worden zu sein. Allerdings lief sie auf meinem Rechner nicht immer stabil.
Die zweite DVD von 2007 bietet nur zwei Demos Kimuras: Eine Eibe (Taxus baccata) und eine Föhre (Pinus sylvestris) erhalten ihre Bonsai-Grundform. Die Auflösung lässt Wünsche offen, ist aber ausreichend. Diese DVD bietet die  gesprochenen Texte leider nur in Spanisch und Französisch an.
Zu Schnitt und Präsentation lässt sich sagen, dass ein langatmiges Abfilmen von nervtötenden Drahtpassagen vermieden wurde. Verschiedene Blickwinkel und Großaufnahmen der entscheidenden Momente lassen ein kurzweiliges Verfolgen der Gestaltungen zu. Auch werden Probleme und Missgeschicke benannt, etwa wenn Kimura trotz ausgehöhltem Ast und Raffiabandage der Hauptast der Hakenkiefer bricht, der Meister aber tapfer weitermacht. Von Interesse wäre sicher auch gewesen, was aus den Bäumen etwa nach einem Jahr geworden ist. Eine vergebene Chance.
Dieser kritische Blick soll aber nicht verstellen, dass jede einzelne der vorgestellten Gestaltungen eine beeindruckende Qualität und enormen Mut des Gestalters dokumentiert. Das Material – durchweg Yamadori ausgezeichneter aber komplizierter Qualität – fordert in jedem Fall außergewöhnliche und kreative Lösungen. Kimura findet sie und setzt sie meisterlich um. Wenn er mit der Kettensäge arbeitet, hat man nicht den Eindruck, dass er den Bäumen Gewalt antut. In manchen Passagen scheint er das Holz damit geradezu zu „streicheln“. Man spürt seine Verbundenheit mit dem Baum, aber auch die Konsequenz seines Willens zur Gestaltung. Mir schien jeder seiner Schritte selbstverständlich und folgerichtig auf dem Weg zu einem Ziel, das Bonsai heißt. Meisterschaft auf höchstem Niveau, deren Ergebnisse vielleicht einmal Kunstwerke sind.

 

{ln:Kimura Mistral 2 '„Masahiko Kimura auf dem Mistral Kongress 2“}. Ca. 50 Min. Laufzeit, Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch, 25,– Euro.

{ln:Kimura Mistral 4 '„Masahiko Kimura auf dem Mistral Kongress 4“}. Ca. 50 Min. Laufzeit, Sprachen: Französisch, Spanisch, 28,– Euro.

Erschienen in {ln:BONSAI ART 098 'BONSAI ART 98} 

„Deutschlands alte Bäume“, „Bäume, die Geschichten erzählen“ und „Unsere 500 ältesten Bäume“ von Uwe Kühn, Stefan Kühn und Bernd Ullrich sowie der Bildband der „Kokufu-ten 2009“

Kühn u.a.: Deutschlands alte BäumeKühn u. a.: Bäume, die Geschichten erzählen Ullrich u. a.: Unsere 500 ältesten Bäume

 

 

 

 

 

 

 

Das Autorentrio der Brüder Kühn mit dem Fotografen Bernd Ullrich initiierten 1996 das  „Deutsche Baumarchiv“, in dem die „schönen, alten und 1000-jährigen Bäume in Deutschland“ dokumentiert werden sollten. Das umfangreichste und neuste, wenn auch vom Format kleinste Buch ist der Naturführer „Unsere 500 ältesten Bäume“. In ihm werden die geografische Lage und die Biografie der eindrucksvollsten deutschen Bäume dargestellt. Das Buch erhebt den Anspruch, nahezu lückenlos die Literatur zu diesem Thema verarbeitet und flächendeckend recherchiert zu haben. Die Fülle des dargebotenen Materials lässt mich glauben, dass die Autoren nicht übertrieben haben. Mit diesem Buch lässt sich wunderbar von Baum-Veteran zu Baum-Methusalem reisen, begleitet von interessanten Geschichten dieser Wesen und der Menschen, die lange vor uns mit ihnen lebten.
Um sich mit einzelnen Bäumen noch genauer zu beschäftigen und um größere Fotos zu haben, ist ebenfalls in diesem Jahr der Bildband „Bäume, die Geschichten erzählen“ erschienen. Zu 100 Bäumen gibt es historische Hintergründe und große Fotos auf gut 160 Seiten im doppelten Format des eben beschriebenen Buches. Dieser Bildband mit seinen geschichtsträchtigen Texten und romantischen Bildern ist eine schöne Ergänzung zum Naturführer, wenn man seine Reise zu den Bäumen vorbereiten oder erinnern möchte.
Der Vorgänger dieser beiden Bücher (Erstausgabe 2002) ist 2007 in der fünften, erweiterten Auflage erschienen. „Deutschlands alte Bäume“ ist mit 200 Bäumen ein Bildband, der die Standorte und interessante Details ihrer Geschichte mit schönen Fotos darstellt. Dieses Buch war bis zur Neuerscheinung der beiden beschriebenen Bücher die Schatzkarte aller Baumfans. Wer etwas zum blättern für lange Winterabende und seinen Deutschlandurlaub sucht, findet eine große Auswahl großartiger lebender Naturdenkmale.

Kokufu 83 – der Bildband zur Kokufu-ten 2009Wacholder auf der Kokufu-ten 2009 Die Brüder Kühn haben sich ganz bewusst in den Grenzen Deutschlands bewegt – die will ich nun verlassen. Es ist wohl nicht nötig, die Ausstellungsbände der Kokufu-ten vorzustellen. So bin ich dazu übergegangen, einzelne Bonsai, die ich für bemerkenswert halte, auszuwählen und meine Gedanken aufzuschreiben. Das Motto dieser Rezension ist ja die Individualität der Bäume und fast jeder der etwa 500 abgebildeten Bonsai ist eine unteilbare Gesamtheit seiner besonderen Eigenschaften, um hier eine Definition vorzuschlagen. Das Besondere im Bonsai ist bekanntlich, dass die Schale und die Aufstellung mit zu der „Bonsai-Persönlichkeit“ gehören. Beim Chin. Wacholder auf Seite 60 scheint mir die wunderbare Kombination von Baum-Schale-Tisch besonders gelungen. Es ist kein „Important Bonsai Masterpiece“, aber ein klar aufgebauter und doch elegant feinsinniger Bonsai. Warum? Beginnen wir mit dem Stamm. Er ist gänzlich gespalten, eher leicht und wächst flankiert von zwei Saftbahnen in zuerst größeren dann schärferen Bögen aus dem moosigen Boden einer flachen, runden, dunkelbraunen Schale, die mit ihrem ausgezogenen Rand an eine Blüte erinnert. Auf einem Drittel der Höhe des Stammes teilt sich dieser in die drei Kronenbereiche. Links ein Gegengewichtsast, rechts der die Richtung vorgebende Sashi-eda und darüber die Spitze, die an die äußerst reduzierte Krone eines Bunjin erinnert. Folgt man der Linienführung mit den Augen, ergibt sich eine rhythmische Schwingung, eine Bewegung, die mal schneller, mal langsamer verläuft und immer wieder neue Abzweigungen findet. Auch der Umriss und die Negativräume sind locker, elegant, ohne harte Brüche. Dadurch wirkt die Krone insgesamt transparent und leicht. Die drei Grünbereiche sind eigenständig und trotzdem miteinander verbunden – etwa, wenn der Hauptast der Bunjin-Krone gleichzeitig den Spitzenast des darunter befindlichen  Grünbereiches ergänzt. Die Leichtigkeit, die im Kontrast zur Dramatik der weiten Totholzbereiche steht, wird noch durch den hohen, weiten und leichten Tisch unterstützt, dessen Füßchen tatsächlich auf Zehenspitzen zu stehen scheinen.

{ln:Deutschlands alte Bäume '„Deutschlands alte Bäume“}. Kühn, U.u.S., Ullrich, B. 192 Seiten. 24 cm x 30 cm,  farbig, Hardcover, 29,90 Euro.

{ln:Bäume, die Geschichten erzählen '„Bäume, die Geschichten erzählen“}. Kühn, U.u.S., Ullrich, B. 160 Seiten. 24cm x 30cm,  farbig, Hardcover, 29,90 Euro.

{ln:Unsere 500 ältesten Bäume '„Unsere 500 ältesten Bäume“}. Kühn, U.u.S., Ullrich, B. 320 Seiten. 17 cm x 21 cm, farbig, Softcover, 19,95 Euro.

{ln:Kokufu 83 (Japan-Import) '„Kokufu-Bildband 83“}. Ausstell. 2009. 288 Seiten. 26 cm x 25 cm, durchweg farbig, Hardcover, Schuber, 99,00 Euro.

Erschienen in {ln:BONSAI ART 097 'BONSAI ART 97} 

„Japanese Gardens“ von Geeta K. Mehta und Kimie Tada mit Fotografien von Noboru Murata und „Alles, was scharf macht“ von Egon Binder


Wenn Sie, obwohl Sie gesehen haben, dass ich ein Gartenbuch bespreche, diese Sätze lesen, werden Sie ein wunderbares Buch kennenlernen, das zwar in englischer Sprache vorliegt, dessen Bilder den Betrachter aber manchmal vor Staunen sprachlos machen. Also: Weiterlesen! Am Ende steht dann auch, was scharf macht.

Japanese Gardens Trotz meiner lockeren Einleitung kann ich mir vorstellen, dass viele von Ihnen eher skeptisch einem weiteren Buch über japanische Gärten gegenüberstehen. Die unüberschaubare Fülle der Veröffentlichungen zu diesem Thema kann abschrecken,  sich einem weiteren Buch dieser Kategorie zuzuwenden. Was soll es da schon Neues zu sehen oder lesen geben?
Das Buch ist einfach aufgebaut: Gut 200 Seiten teilen sich auf in eine Art Einleitung, die die unvermeidliche Beschreibung der Entwicklung der jap. Gartenkunst beinhaltet. Dann folgen jeweils Kapitel über Tempelgärten, Privatgärten und öffentliche Gärten. Am Schluss findet sich ein Glossar der Gartenbegriffe in Japanisch-Englisch und eine Danksagung. Die wenigen Seiten Einleitung sollte man in diesem Fall nicht überspringen, auch wenn die allgemein bekannte Entwicklungslinie der jap. Gärten erneut dargestellt wird, denn so gerafft und trotzdem kenntnisreich habe ich diese Entwicklung noch nicht vorgestellt bekommen. Die groben Linien werden aufgezeigt, einige Namen genannt, aber vor allem werden die für die jeweilige Periode vorherrschenden Prinzipien erläutert. Der Autor scheut sich auch nicht, die modernen Formen der Gartengestaltung, die mit Beton und ohne Leben auskommen müssen, zu bedauern und vorzuschlagen, sich diese trostlosen Orte als Gärten vorzustellen, die die Lebendigkeit traditioneller Gärten nicht verleugnen. Auch ordnet er die symbolischen Bedeutungen nach ihrem Stellenwert ein. In den traditionellen Gärten gäbe es zwar vieles zu enträtseln, aber sie sind auch einfach in ihrer Schönheit und somit auch für alle Menschen mit einem Sinn dafür zu verstehen. Diesen Text zu lesen hilft zu tieferen Einsichten in der Frage „Was ist ein guter Bonsai?“.
Dieses Buch ist der eher traditionellen Sicht auf jap. Gartenästhetik gewidmet. So finden sich auch die Gärten dargestellt, die unzweifelhafte Schätze dieser Kunst sind. Viele haben von diesen Gärten gehört und Bilder gesehen, vielleicht sogar schon selbst einen Blick auf sie geworfen. Die Fotos sind ausgezeichnet und heben die Besonderheit jedes dieser fantastischen Orte noch hervor.
Ich möchte jedoch fast ans Ende des Buches springen, um einen doch etwas anderen Garten zu erwähnen: Shunka-en, den Bonsaigarten von Kunio Kobayashi. In der letzten Ausgabe habe ich Michael Hagedorns Buch „Post Dated“ über seine Lehrzeit bei diesem Meister in diesem Garten rezensiert. Der Leser erfährt hier nun mehr über Herrn Kobayashi und dessen Hintergrund und Anliegen. Es wird auch deutlich, dass Bonsai als Quintessenz der Gartenkunst verstanden werden kann. Der Autor macht auch in diesem Kapitel, dessen Fotos den winterlichen Garten mit seinen beeindruckenden Bonsai zeigen, klar, worauf es ankommt. Wichtig ist, und dieser Aspekt wird auch im Westen immer mehr zur Kenntnis genommen, wie ein Bonsai gezeigt wird – seine Verfeinerung, die Schale, die Präsentation. Ein Bonsai ist sein eigenes Universum, das er erzeugt und neben dem alles beiseite tritt. Einen Sinn dafür zu entwickeln, dazu kann dieses Buch beitragen.
Alles was scharf macht Ach ja, zu guter Letzt noch ein kleiner Tipp zu einem trivialen Thema. Egon Binder hat einen knackigen Titel für eine einfache, aber wichtige Sache gefunden: Wie schärft man seine Werkzeuge? Der Autor ist, das spürt man sofort beim Blättern durch dieses empfehlenswerte Büchlein des Ulmer Verlags, ganz vernarrt in dieses Handwerk und es gelingt ihm, die gut 100 Seiten prall mit praktischen Informationen zu füllen. Alles, was stumpf werden kann, wird von ihm geschärft – bis hin zum Angelhaken. Speziell mit unseren japanischen Scheren und Zangen befasst er sich zwar nicht, aber die Methoden des Schleifens lassen sich mit diesem Buch verstehen und üben. Denn auch das Scharfmachen will gelernt sein.

Alles, was scharf macht. Messer, Scheren, Werkzeuge schärfen.
Binder, Egon.
121 Seiten. 13 cm x 19 cm, durchweg farbig, 9,90 Euro.

Japanese Gardens – Tranquility, Simplicity, Harmony (US-Import).
Mehta/Tada/Murata.
208 Seiten, 23,5 cm x 25 cm, durchg. farbig, engl., Hardcover, 34,90 Euro.

{ln:BONSAI ART 096 'BONSAI ART 96}