„100 Jahre Bonsai Deutschland“ von Th. Pallmer, H. Obermayer, J. Frahnow

Basic Bonsaivon Jürgen Zaar

Die beiden Veröffentlichungen haben gemein, dass sie höchst aktuell von diesem Jahr sind und sich mit Grundlagen des Bonsai, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln, befassen. Das Team Pallmer/Obermayer/Frahnow aus dem Osten der Republik hat eine Bonsaiausstellung zum Anlass genommen, die Geschichte des Bonsai in Deutschland nachzurecherchieren. Der bekannte Gestalter Jürgen Zaar hat seine Perspektive etwas anders ausgerichtet. Er stellt das Basiswissen in der Bonsaikultur zusammen, die Basics der Bonsaigestaltung.

Zuerst zu einer Publikation, die eine bisher einmalige Arbeit geleistet hat. Die drei Autoren haben in wirklicher Fleißarbeit einem Thema Aufmerksamkeit geschenkt, ohne das Bonsai hier in Deutschland nicht wirklich zu verstehen ist: seiner Geschichte. Die meisten würden sicher annehmen, dass Bonsai eine Erscheinung des Hobbybereiches ist, die vor etwa dreißig Jahren in Deutschland auftauchte. Mit dem Heft, in der Form nicht unähnlich der BONSAI ART, wird die Bonsaigeschichte in Deutschland das erste Mal ernsthaft zusammengefasst. Die Autoren befassen sich in drei Teilen mit den folgenden Zeiträumen: 1683–1945 „Von der schönen Augenlust...“, 1946–1989 „Bonsai im geteilten Deutschland“ und 1990–2007 „European Bonsai“.
Diese drei Teile werden durch unterschiedliche Beiträge ergänzt, die als weitere Themen das Begleitheft zur Jubiläumsausstellung in Dresden-Pillnitz (15.–17.6.2007) vervollständigen. Hier möchte ich mich aber nur auf die drei geschichtlichenHauptteile beziehen.
Klar wird bald, dass der Begriff Bonsai erst 1926 in der deutschen Sprache auftauchte. So kann man vor diesem Datum nur indirekt von „Bonsai“ sprechen, wenn kleine Bäume mit vergleichbaren Techniken, wie z.T. heute noch, bearbeitet wurden. Auch in Japan wird der Ausdruck Bonsai erst Ende des 19. Jh. gebräuchlich. Meist umschrieb man diese Kuriosa als „Zwergbäume der Japanesen“. 1692 wurden diese Zwergbäume das erste Mal bei Georg Meister in deutscher Sprache erwähnt. Oft geht es bei den Beschreibungen um Obst- und Blütenbäume.
Das erste Auftauchen der Bonsai im Westen wird meist auf 1878 zur Pariser Weltausstellung datiert. Das Autorenteam findet jedoch eine Quelle, die eine erste Bonsaipräsentation 1873 nahelegt. Um 1900 wird Japan populär, diesmal seine funktional einfachen Formen, die die Architekten und Künstler faszinieren. Missverständnisse entstehen jedoch immer, wenn versucht wird, ohne ge-naue Kenntnisse der Techniken, die Gründe für den „Zwergwuchs“ zu entschlüsseln.
Der erste Teil endet mit der Bewertung von Bonsai im Nationalsozialis-mus als „Abnormalitäten“, die als Fremdlinge nichts in deutschen Gärten verloren hätten.
Diese vielfältige Sammlung von frühen literarischen Fundstücken zeigt die interessierte Haltung Bonsai gegenüber, die in früheren Zeiten herrschte und in neueren, die stärkere Ressentiments hervorbrachte.
Der zweite Teil führt an, dass die USA (seit der Centennial Exposition 1876) und Großbritanien (seit der jap.-brit. Ausstellung 1910) sehr viel früher vom Bonsaivirus erfasst worden sind und somit eine längere Tradition pflegen als Mittel- bzw. Südeuropa. (Erster Bonsaiclub in Kalifornien 1950, in dem J.Y.Naka bereits eine Rolle spielte.) In diesem Teil geht es verstärkt um Bonsai in Ost- und Westdeutschland, wofür Figuren wie Wilhelm Elsner (DDR, sein Porträt im Heft) und Paul Lesniewicz (BRD, zusammen mit Horst Krekeler, mit dem es ein Interview im Heft gibt) stehen. Für viele wird dieser Teil Neuland in Sachen Ost-Bonsai sein.
Der dritte Teil (European Bonsai) konzentriert sich auf Wolf-D. Schudde, dem für die Fortentwicklung des Bonsai in Europa ein zentraler Stellenwert zugemessen wird. Diese Einschätzung kann man bezweifeln und die Autoren tun das auch selbst implizit (Untertitel: Ausweg oder Irrweg?), waren aber wohl aufgrund der Vielfalt der Entwicklungen und dem Mangel an theoretisch explizierten Positionen mit einer Zusammenschau überfordert. (Ich werde im nächsten Heft eine Einordnung von Bonsai in die Kunst der Moderne versuchen.)
Dieses Heft ist vor allem dank seines ersten Teils höchst interessant und wichtig. Es ist ein meines Wissens nach erster konkreter Versuch einer Verortung von Bonsai in deutscher und europäischer Geschichte.

 

100 Jahre Bonsai Deutschland.
Thomas Pallmer, Herbert Obermayer, Jörg Frahnow; 78 Seiten, DINA4, durchgehend farbig, Broschur, 8,00 Euro

 

Basic Bonsai

Jürgen Zaars Buch, im für Bonsai beliebten Querformat, leistet, was es verspricht. Es stellt die Grundlagen der Techniken dar, die ein bisher dem Bonsai fremd gegenüberstehender Interessent braucht, um selbst damit anzufangen. Dabei gibt er einen guten, wenn auch etwas unübersichtlichen Einblick: Es fehlt dabei z.B. ein Inhaltsverzeichnis am Anfang. Man findet es mehr zufällig am Ende des Buches hinter der Werbung (!).
Auch das Layout ist gewöhnungsbedürftig, weil unruhig und überladen. Es gibt praktisch keine Seite, auf der nur Text und/oder Bilder sind, sondern die sonst übliche weiße Grundseite ist fast immer (mit Ausnahme ganzseitiger Fotos) selbst ein Foto. Dieses Foto ist stark in den Kontrasten abgeschwächt und gibt den Hintergrund ab, auf dem die Fotos und oft schwer lesbare Texte angeordnet sind. Was vereinzelt durchaus reizvolle Tiefe herstellt, ist bei exzessiver Anwendung wie hier unklar und ermüdend.
Es gibt viele Details, die den unruhigen Eindruck verstärken und den Leser irritieren. Das mag mit der Herstellung in Litauen zu tun haben, wo scheinbar andere Standards gelten.
Sei‘s drum, das Buch bietet auf gut 100 Seiten dem Anfänger viele Basics und dazu wichtige Erfahrungen des Autors, die ja nicht jeder selbst machen muss. Es ist so eine Einstiegshilfe.

Basic Bonsai.
Jürgen Zaar; 104 Seiten, 27,5cm x 21,5 cm, durchgehend farbig, Hardcover, 27,80 Euro

Nachgelesen:

Leider widmet sich die Rezension von Michael Exner mehr der graphischen und gestalterischen Ausführung des Buches und weniger dem Inhalt. „Basic Bonsai“ ist aus meiner Sicht das erste Einsteigerbuch, das die Grundlagen modernen Bonsais in so kompakter Form darstellt und den unbedarften Bonsailaien nicht auf Um- oder Irrwege führt. Keine seitenlangen Ausführungen über Samenanzucht und Stecklingsvermehrung, dafür, wohl erstmalig in einem Einsteigerbuch, detailreiche Erläuterungen zu Yamadoribergung, -kultivierung und -gestaltung. Moderne Gestaltungstechniken, die bis dato fast nur in Fachzeitschriften beschrieben wurden, sind in dem Buch detailliert bebildert und beschrieben dargestellt, etwa moderne Totholz- und Biegetechniken. Ich persönlich habe in dem Buch etwas gefunden, wonach ich lange vergeblich gesucht habe: einen prophylaktischen Spritzplan zur Gesunderhaltung der Bäume. Bei der Beurteilung der graphischen Ausführung sollte erwähnt werden, dass das Buch für den litauischen bzw. osteuropäischen Markt konzipiert ist, wo Jürgen Zaar seit Jahren vorbildliche Basis- und Aufbauarbeit leistet.

Thomas Pallmer (Pirna)

„Bonsai für jeden“ von Werner M. Busch

Das Urgestein der Bonsaiszene Deutschlands und vielfacher Buchautor Werner M. Busch hat erneut im BLV-Verlag ein Buch veröffentlicht, eines, das jedem Bonsai näher bringen soll. Der Wunsch ist so verständlich wie vermessen, denn Bonsai kann nicht für jeden sein, sondern kann aufgrund seiner komplexen Bedürfnisse nur von dem Teil der Menschheit adoptiert werden, der bereit ist, eine kontinuierliche Bemutterung einer Pflanze zu übernehmen. Nimmt man es mit dem Titel nicht so genau, verfolgt Busch einen interessanten Ansatz, der einen niedrigschwelligen Einstieg in das Bonsaihobby verspricht. Was kann Bonsai sein, wenn man keine künstlerischen Ambitionen hat?

Es kann viel sein! Das ist der erste Eindruck, den das Buch vermittelt. Busch geht anders vor als in Anfängerbüchern üblich. Das Hardcover-Buch ist mit seinen 143 Seiten knapp und übersichtlich gehalten und reich mit Farbfotos bebildert. Sie sind insofern hilfreich, als dass sie etwa speziell für die beschriebenen Techniken angefertigt wurden, oder eben die behandelte Baumart als Bonsai darstellen. Dabei zeigen die Fotos hübsche Bonsai, ohne jedoch ausgesuchte Meisterwerke vorzuführen, die viele Menschen in ihrer Perfektion leicht erschrecken und entmutigen. Überhaupt ist Busch in seinem Buch sehr bodenständig. Dazu komme ich später noch.
Der Aufbau des Buches weist einige Besonderheiten auf. Nach einer Einführung, die die Beschaffung und die grundsätzliche Pflege auf gut 30 Seiten behandelt, folgen zehn Kapitel, die die verschiedenen Gehölzgruppen nach Merkmalen und Pflegekriterien zusammenfassen. Blütenbonsai und Fruchtbonsai werden voneinander getrennt behandelt, Kiefern und Lärchen dagegen zusammen. Buchen werden mit Eichen, Birken mit Hainbuchen in Kapiteln verbunden. Dieses System macht Sinn, denn der Autor kennt sich nicht nur mit den hierzulande notwendigen Pflegemaßnahmen aus, sondern gibt aus seiner reichhaltigen Erfahrung auch manchen Expertentipp preis, der Enttäuschungen verhindern hilft.
Auch ein Kapitel über Zimmerbonsai zeigt die praktische Erfahrung von Busch mit den Schwierigkeiten der jeweiligen Gehölze. Er teilt die Zimmerbonsai in Warm- und Kalthauspflanzen und lässt keinen Zweifel an dem nicht unproblematischen Aufwand, der bei der Pflege dieser Arten zu betreiben ist, ohne letztlich zu ausgezeichneten Ergebnissen kommen zu können. Die Probleme werden benannt und mögliche Lösungen diskutiert, um dem Leser ein möglichst realistisches Bild davon zu geben, was auf ihn zukommt, wenn er sich mit dieser oder jener Pflanze beschäftigen will.
Den inhaltlichen Abschluss bildet ein Kapitel über Pflanzenkrankheiten, wobei auch hier die Erfahrung die wichtigen von den weniger wichtigen Krankheiten und Schädlinge scheidet.
Der Löwenanteil des Buches wird von den Beschreibungen der 10 Gehölzgruppen gestellt. In diesen Kapiteln wird besonders deutlich, das der Autor das vorhandene Wissen zusammen mit seinen Erfahrungen auf kompakte Weise dem Leser zur Verfügung stellen kann. Er geht dabei sehr pragmatisch und, wie gesagt, bodenständig vor. Was muss man wissen, damit die Kultivierung klappt? Wo ist Geduld gefragt und wo kann man Gas geben? Welche Arten sind einfacher, welche schwieriger zu behandeln? Mich haben auf diesen 100 Seiten die Sicherheit und die Klarheit überzeugt, mit der Busch diese Fragen beantwortet und seinen Lesern deutlich macht, wie er die Sache sieht.
Ein weiterer Vorteil dieses Buches wird im Stichwortverzeichnis deutlich: Sehr viele Pflanzenarten werden behandelt, vor allem heimische bzw. in unseren Baumschulen angebotene; man hat so ein breites Spektrum der zur Bonsaikultur geeigneten Spezies versammelt. Da alle einem der zehn Kapitel zugeordnet sind, bleibt die Behandlung und Pflege übersichtlich.
Wie immer zum Schluss die Einschätzung des Buches. Es gibt viele Anfängerbücher, die von manchem zu viel und von vielem zu wenig bieten. Dieses Buch ist mit seinem pragmatischen Ansatz und auf seine einfache Art ein wirklicher Gewinn in diesem Sektor. Es ist zwar kein Buch, das jeden zu Bonsai bringt, wer aber zu Bonsai finden will, hat in diesem Buch einen fundierten Ratgeber, der ihn und vor allem seinen Bonsai nicht im Stich lässt. Hält man sich an die Vorschläge Buschs, muss kein Baum eingehen, und das ist schon eine ganze Menge..

Bonsai für jeden. Busch, Werner M.
144 Seiten, 21 cm x 27,5 cm, durchgehend farbig, Hardcover, 16,95 Euro.

"Junipers", Bonsai Today Masters’ Series

Mit diesem Titel und der Ergänzung „Growing & Styling Juniper Bonsai“ ist klar, dass es sich um ein englischsprachiges Buch zur Gestaltung und Pflege von Wacholdern handelt. Es ist in diesem Jahr im Stone Lantern Verlag in den USA erschienen und ergänzt als zweiter Band der Masters’ Series den 2005 erschienenen Titels „Pines“, der sich mit Kiefern befasst.

Unsere langjährigen Leserinnen und Leser werden viele der Artikel kennen, deren Zusammenstellung dieses Buch ergibt. Bonsai Today war das Schwesterblatt der BONSAI ART in den USA und basierte auch auf der japanischen Fachzeitschrift Kindai Bonsai. Den größten Teil der 175 Seiten machen also ältere Artikel von Kimura, Kobayashi, Kaneko und Co. aus. Neben diesen kann man aber auch eine Gestaltung von Udo Fischer sehen, Harry Hirao und Ernie Kuo vertreten dazu die Vereinigten Staaten. Die Japaner stellen jedoch die allermeisten Artikel. Deren Inhalte decken alle Bereiche von Vermehrung über Pflege und Gestaltung bis hin zu besonderen Techniken ab. Auch zu Shohin lässt sich etwas finden. Auf den letzten 15 Seiten kann man eine Galerie von Wacholder-Bonsai bewundern. Auch das Buch über Kiefern ist so aufgebaut.
Worin liegt nun das Besondere an dieser Veröffentlichung? Es gibt bzw. gab zwar schon spezielle Pflegeanleitungen für Wacholder, aber dieser DIN A4- Band im Softcover bietet eine Fülle von Informationen rund um diese Gattung, die man sich bisher zusammensuchen musste. Das ist das große Plus dieses Buches. Da die einzelnen Artikel nicht aufbereitet sind, stößt man jedoch auch auf einige Wiederholungen. Zeitschriftenartikel sind ja meist so verfasst, dass sich darin der Prozess der Gestaltung und Pflege wiederfindet. So geht es in den meisten Artikeln auch um’s Drahten und Umtopfen, Techniken, die man nach einigen Wiederholungen „mitsingen“ kann. Da merkt man, dass die Herausgeber sich der Aufgabe, eine Monografie zum Thema Wacholder zu verfassen, nicht gestellt haben. Sei’s drum! Auf der anderen Seite fehlt es wiederum an grundsätzlichen Basisinformationen für blutige Anfänger im Bonsaigeschäft. Für diese ist das Buch zu speziell und auch zu komplex, worauf die Herausgeber jedoch auch hinweisen.
Wenden wir uns nun einem besonders interessanten Artikel zu. Damit meine ich eine Arbeit von Kimura, der einen verwahrlosten J. procumbens zu einem Bunjin gestaltet (aus BONSAI ART 52, S. 22 ff). Der Baum ist schwach und das zeigt er in seinen untersten Ästen. Kimura entscheidet sich in diesem Fall, die jahrelange Schwäche des Baumes zu einer Stärke umzudefinieren. Bunjin strahlen, anders als die meisten Bonsai, oft etwas Verlottertes, Zerzaustes aus. Will sagen: Überlebt hat der Baum zwar, aber nur eben gerade und nicht sehr wohl. Das bringt dieser Wacholder also schon mit. Der unterste, fast tote Ast wird entfernt. Der nächste ist auch sehr schwach, wird mit seiner dünnen, offenen Belaubung jedoch zum Prototyp aller folgenden Äste. Die Spitze der Krone muss stark ausgedünnt werden, damit die Proportionen der Belaubung sich an den schwachen ersten Ast anpassen und der Bunjin insgesamt zwar über schwach erscheinende, aber ausgewogene Grünbereiche verfügt. Der wichtigste Ast (Sashi-eda), der auch die Bewegung des Baumes aufnimmt und fortführt, ist in diesem Fall nicht der erste Ast – der ist dafür zu klein und zu schwach – sondern der dritte Ast. Er ist auch der am weitesten ausgreifende und üppigste, wenn man bei diesem wettergegerbten Gesellen überhaupt von üppig sprechen will. Bei einer Gesamthöhe von 84 cm ist der Wacholder trotzdem immerhin 60 cm breit. Dieser Bonsai erzeugt genau das Gefühl, dass den Bergwanderer erfasst, wenn er auf einer kargen Hochfläche auf einen mehr tot als lebendig erscheinenden Baum trifft, dessen Leben als eine interessante Geschichte von Wind und Wetter zu erzählen wäre. In diesem Buch finden sich denn auch viele Geschichten vom Bonsaiwerden verschiedener Wacholder.
Im Buch „Pines“ derselben Reihe ist das ebenfalls so, nur dass es um Kiefern (Jap. Schwarz- u. Mädchenkiefer) geht. Beide sind voller Informationen, die man sich jedoch im Detail erst aus den einzelnen Texten herausfiltern muss. Im Moment gibt es jedoch keine Alternative zu diesen Kompendien im Bereich Wacholder und Kiefern. Allerdings sind rudimentäre Kenntnisse der englischen Sprache vorauszusetzen.

Junipers.Bonsai Today Masters’ Series
184 Seiten, 21,5 cm x 28,5 cm, durchgehend farbig, Softcover, 29,90 Euro.

„Japan und der Westen. Die erfüllte Leere“,

herausgegeben vom Kunstmuseum Wolfsburg

Von einem beeindruckenden Ausstellungsbesuch Anfang des Jahres habe ich mir einen Bildband mitgebracht, der diese Ausstellung auch theoretisch aufzuarbeiten sucht. Neben der Wiedergabe der Exponate interessierten mich vor allem die Essays bekannter Kulturgrößen, die das Verhältnis der westlichen zur japanischen Kunst reflektieren. Ich versprach mir davon auch einen Zugewinn an Erkenntnis zu diesem auch für Bonsai wichtigen Thema.

In der genannten Ausstellung waren große Werke der traditionellen japanischen Kunst und Handwerkskunst zu sehen und im hier behandelten Katalog finden sich interessante Informationen den ausgestellten Stücken zugesellt. Allein die Bandbreite der verschiedenen Werke aus Holz, Keramik, Papier usw. schafft für den Leser einen schönen, fundierten Einstieg in die Betrachtung japanischer Kunst.
Ich möchte mich in dieser Rezension mit der theoretischen Seite der Ausstellung befassen. Da ich hier die verschiedenen Gedankenstränge dieses interessanten Versuchs einer Annäherung nicht alle nachvollziehen kann, dabei ist etwa ein Essay des ehemaligen Vorsitzenden der Akademie der Künste Adolf Muschg, werde ich mich auf einen Überblicksaufsatz des Direktors des Kunstmuseums Markus Brüderlein beschränken. Der Text „Die erfüllte Leere und der moderne Minimalismus“ will keine „Vaterschaft oder kausale Abhängigkeiten nachweisen“, sondern „Ähnlichkeiten aber auch die grundsätzlichen Unterschiede der beiden Kulturen“ thematisieren. Dazu gibt er einige Grundgedanken der jap. Philosophie wieder. Diese Begriffe tauchen auch in der Auseinandersetzung mit unserem Hobby immer wieder auf und Brüderleins Interpretationen helfen, wichtige Tiefendimensionen des Bonsai zu erfassen. Yûgen etwa, die „geheimnisvolle Tiefe“, die die Krone eines ausgebildeten Bonsai so faszinierend macht, lässt sich im Schattenspiel der Äste und Zweige wirklich erleben, wenn der Baum gelungen und reif ist.
Oder die Bedeutung ds Shintô. Im Bonsai beseelen auch wir den Baum, das Ding, wie die Japaner in ihrer archaischen Religion. Wir sehen ihn an und er blickt zurück, zeigt sich und spricht von seiner Natur. Das zu erleben stellt eine Verbindung zum shintôistischen Animismus her. Der behauptet, dass die Dinge von Wesen, den Kami, bewohnt werden, wodurch die selbst toten Dinge belebt sind. Die Lebendigkeit eines Baumes hat heute in unserer Kultur einen naturwissenschaftlichen Geschmack. Aber es gibt auch hier die Erfahrung einer Atmo-sphäre, die ich am Bonsai zu beschreiben versuchte. Sie ist etwas, was die Leere erfüllt und in der wir in „eine gemeinsame Wirklichkeit mit den Naturdingen“ eintreten. Leere ist demnach auch Fülle von Möglichkeiten.
Brüderlein stellt neben der Leere der Form (Ästhetik) auch andere Verbindungen zwischen dem traditionellen Japan und der westlichen Moderne her. In Strömungen der Philosophie (Leere und höhere Erkenntnis), Spiritualität (Beseelung der Welt und Askese) oder in kontextuellen Vergleichen etwa des weißen Ausstellungsraumes im Westen und dem Teeraum im Osten vollzieht er nach, dass es sowohl Vergleichbarkeit, aber auch Unvergleichbarkeit des Wahrnehmens und Sehens ist, was den „Stoffwechsel der Ideen“ zwischen Japan und dem Westen so spannend macht.
Auch weitere Essays dieses Ausstellungskataloges haben mich angeregt, die enthaltenen Gedanken für die Auseinandersetzung mit dem Brückenphänomen Bonsai fruchtbar zu machen. Bonsai als Ausdruck unserer Mensch-Natur zu verstehen werde ich in einem eigenen Aufsatz in näherer Zukunft behandeln.
Japan und den Westen in Beziehung zu setzen war für mich überaus anregend. Die Ausstellung endete am 13. Januar 2008, so dass der vorgestellte Katalog die umfassendste Möglichkeit darstellt, die versuchte Annäherung nachzuvollziehen. Jedem jetzt Interessierten sei er empfohlen. Trotzdem lohnt auch ein Abstecher nach Wolfsburg, denn im Kunstmuseum hat Kazuhisa Kawamura einen Japanischen Garten konzipiert und angelegt, der von ausgesprochen intensiver Ausstrahlung ist. Auf einer Fläche, die durch Zufall der des wohl berühmtesten Zen-Gartens – dem des Ryôanji in Kyoto – ähnlich ist, hat Kawamura diesen Garten zum Vorbild genommen und ihn neu interpretiert. Für mich ebenfalls ein gelungener Brückenschlag zwischen Ost und West.

Japan und der Westen.
Die erfüllte Leere und der moderne Minimalismus.
Kunstmuseum Wolfsburg (Hrsg.).
224 Seiten, 31 cm x 24 cm, ca. 70 farbige und ca. 60 einfarbige Abbildungen, Hardcover, 39,90 Euro

„The Gardens of The Adachi Museum of Art“,

ein Bildband der Adachi Museum of Art Foundation

Im Adachi Kunstmuseum, gegründet 1970, ist eine große Sammlung moderner japanischer Kunst zuhause, die vom Gründer Zenko Adachi gesammelt wurden. Nicht jedoch diese Sammlung ist Gegenstand des Bildbandes, den ich vorstellen möchte, sondern die umliegenden Japanischen Gärten, die von einer außergewöhnlichen Qualität und Größe sind. Sie stellen auf anschauliche Weise dar, dass Japanische Gärten „natürliche Malerei“ sind, eine Form der dreidimensionalen Bildgestaltung, die typisch für den Gartenbau in Japan ist.

Adachi Museum of Art

Welche Art von Gärten sind in diesem Bildband zu finden? In einem einführenden Text beschreibt Takanori Adachi, der Enkel des Museumsgründers, die Vorstellungen seines 1990 verstorbenen Großvaters Zenko. Dieser war ein begeisterter Laie auf dem Gebiet des Gartenbaus und beeinflusste den Aufbau des Gartens, der nach dem Plan des Gartenarchitekten Kinsaku Nakane entstehen sollte, durch seine tägliche Anwesenheit. Er habe, so sein Enkel, jeden Baum und jeden Stein bei der Positionierung überprüft. So tragen vor allem die Details die Handschrift des Gründers. Dazu zählt auch, dass 800 Rotkiefern von der Noto-Halbinsel und ungezählte Felsen aus dem Kosakabe-Fluss von der Insel Okayama ausgewählt und gesetzt werden mussten.
Zenko Adachi war überzeugt davon, dass ein Garten ein lebendes Gemälde ist. Damit steht er ganz in der Tradition, die einen Garten wie auch einen Bonsai auf spezielle Blickwinkel hin konzipiert und dem Betrachter eine idealisierte Landschaft zur Betrachtung und Erbauung darbietet. Um das Museum wurden verschiedene Gärten angelegt, die einen Überblick über die wichtigsten Gartenformen Japans geben und gleichzeitig dreidimensionale Landschaftsinszenierungen alter japanischer Gemälde sind. So schaut man quasi aus den Fenstern des Museums wie darin auf Bilder, nur im Fall der Gärten eben auf lebende. Die Anerkennung für diese herausragende Leistung – und die darin täglich wiederkehrende Pflegearbeit – bekam der Garten des Adachi-Museums durch ein amerikanisches Gartenmagazin, das ihn über drei Jahre zum besten Japanischen Garten kürte. Dabei wurden die Gärten unter verschiedenen Kriterien beurteilt, aber die in Japan übliche Verbeugung z.B. davor, dass ein Garten schon deshalb ausgezeichnet sei, weil er in Kyoto oder in einer berühmten Landschaft liegt, wurde nicht gemacht. Im Adachi-Museumsgarten wurde ein Traum verfolgt, der Traum einer idealen Gartenlandschaft, und Zenko Adachi ist ihm wohl sehr nahe gekommen.
Der Band zerfällt in zwei Hälften: den Frühling/Sommer- und den Herbst/Winter-Teil. Die verschiedenen Gärten bzw. Gartenbereiche werden in exzellenten Fotos dargestellt und gerade durch ihren jahreszeitlichen Wandel bekommt man einen wunderbaren Einblick in die verschiedenen Stimmungen, die diese Gärten zu erzeugen vermögen. Ein im üppigen Grün sogar mit einzelnen pinkfarbenen Blüten getupfter Frühlingsgarten verliert im Winter all seine Farbe und wird seinem tintenschwarzen und papierweißen zweidimensionalen Vorbild damit fast auf unheimliche Weise ähnlich. Manche Fotos wirken speziell im verschneiten Winterkleid regelrecht kalt und unbelebt, wie eingefroren. Das brennende Rot und Orange der Ahorne im Herbst erscheint wie die letzte Energie eines selbstverzehrenden Feuerwerks, das kurze Zeit später zum Schwarz der Linien und Flächen verkohlt ist. Licht, Schatten, unendliche Vielfalt der Grüntöne und Perspektiven – wirklich beeindruckend, wie dieser Bildband seine Botschaft von der idealen Natur dem Betrachter nahe bringt.
In einem gewaltigen Kraftakt wurde in den Gärten des Adachi-Museums eine Welt geschaffen, und sie wird jeden Tag aufs Neue durch viel Arbeit wieder hergestellt, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Mancher, der die wilde Natürlichkeit in ihrer manchmal harten Gebrochenheit liebt, wird sich an der Glätte der Arrangements stören, ein Aspekt, der in diesem idealen Ensemble keine Berücksichtigung findet. Wer sich jedoch auf das milde Licht, die Harmonie und Ausgewogenheit eines Traumes einstellen kann, wird in diesem Bildband auch für die Bonsai-Gestaltungspraxis seine Anregungen finden.

The Gardens of The Adachi Museum of Art.
Adachi Museum Foundation (Hrsg.).
184 Seiten, 23 cm x 28,5 cm, durchgehend farbig, Softcover, 49,90 Euro