„Classic Bonsai of Japan“

der Nippon Bonsai Association

Die erste Auflage dieses Bildbandes aus dem Jahr 1989 war ein Meilenstein der Bonsaigeschichte im Westen. Das damals großformatige und sehr teure Luxuswerk, übersetzt vom amerikanischen Japankenner John Bester, fasste große Meisterwerke und Kommentare dazu mit einem geschichtlichen Abriss des Bonsai zusammen. Anders als die Kokufu-Bände, die den aktuellen Stand dieser Kunstform dokumentieren, versuchte „Classic Bonsai of Japan“ eine Monografie des Bonsai zu sein, die das Wesen dieser Kunstrichtung erfasst.

classic01.jpg Seit 2003 liegt nun die zweite Auflage vor. Weniger aufwändig und kleiner im Format (etwas größer als DIN A4) ist sie inhaltlich identisch mit der ersten. Welche Inhalte enthält nun dieses hochwertige Buch? Wesentlich sind einerseits die Bilder. Manchen mag die scheinbare Unfertigkeit mancher in diesen Katalog aufgenommener Bonsai irritieren, heute ist man mehr Akkuratesse gewöhnt. Manche der 155 ganzseitig gezeigten Meisterwerke zwischen 20 und 140cm wirken etwas struppig (108 in Farbe, aber leider etwas dunkel, ergänzt durch 24 ebenfalls farbige Shohin-Arrangements). Darunter sind auch einige Stücke aus der kaiserlichen Sammlung, die Jahrhunderte als Bonsai kultiviert wurden. Auch sehr bekannte Bonsai, viele bereits in BONSAI ART veröffentlicht, sind unter den für dieses Buch ausgewählten Werken zu finden.
Was hat es mit der etwas „ungepflegten Erscheinung“ mancher Bäume auf sich? Um etwas zu dieser Frage zu sagen, komme ich zu dem meiner Meinung nach wichtigeren Teil des Buches, dem Text. Er ist leider in englischer Sprache, und dazu noch nicht einmal mit normalen Schulenglischkenntnissen zu entschlüsseln. Bei der Lektüre der 50 schwarzweiß bebilderten Textseiten war mein Dictionary ein vielgenutzter Begleiter. Aber die Mühe lohnt sich! John Bester hat eine wichtige Über-setzung geleistet. Für uns westliche Betrachter ist die Historie des Bonsai bislang weitgehend verschlossen. Mythen umranken die angeblich Jahrhunderte währende Tradition des Bonsai und lassen ohne fundiertes Wissen ein Bild entstehen, dass modernes Bonsai ins japanische Mittelalter zurück „beamt“. Bester weiß es besser: Bonsai war immer in seine jeweilige Zeit eingebunden, und es war schon immer geteilt in eine religiös philosophische Übung der geistig intellektuellen Eliten und in eine Volkskunst. Die einen befassten sich damit auf dem Hintergrund einer Naturmystik und verachteten Techniken zur Formung als Verstümmelung, die anderen entwickelten die Formgebung weiter und hatten auch Freude an Skurrilem und Üppigem. Heutiges Bonsai mit seinem Wunsch nach der idealen Form des individuellen Baumes entstammt eher dem bürgerlichem Strang der Entwicklung. Jedoch erstarkt sowohl in Japan als auch bei uns die Idee, dass Bonsai eine Brücke zur Natur schlägt, womit auch die eigene Naturhaftigkeit des Menschen gemeint ist. Die oben erwähnte „Struppigkeit“ mancher Bonsai ist in diesem Buch somit dem „Natürlichen“ geschuldet, die der gemachten Glätte mancher viel zu „frisch“ aussehender Bäume widerborstig entgegensteht.
Besters Übersetzungsleistung beruht darin, dem Leser das kulturgebundene Fremde im Bonsai durch die Beschreibung der Geschichte nahe zu bringen. Auch die Beschreibung der Stilformen, die an sich gut bekannt sind, verweisen auf ein Verständnis, das weniger kategorial als von der Natur der Sache bestimmt ist. Enge Regeln oder gar Gestaltungsvorschriften findet man allenfalls vereinzelt. Gerade und geschwungene Stämme, ihre Anzahl und ihre besondere Anmutung lassen den einzelnen Bonsai mehr oder weniger in eine der Kategorien fallen. Was in keine passt, ist trotzdem Bonsai und heißt dann eben „kreativ“.
Das letzte Kapitel des Buches der klassischen japanischen Bonsai umfasst 23 Seiten mit Anmerkungen. Sie kommentieren die Bilder und machen für westliche Bonsailiebhaber den hohen Wert dieses Buches aus. Jeder einzelne Baum wird aus der Sicht japanischer Meister beschrieben und eingeordnet. Der Leser versteht, warum ein Bonsai in dieses Buch aufgenommen wurde, was ihn von anderen schönen Bonsai abhebt. Beim Lesen dieser Kommentare kann man viel über die Wertvorstellungen japanischer Bonsaienthusiasten lernen. In ihnen verschränken sich Vorstellungen von Religion und Kulturgeschichte Japans mit modernen ästhetischen Sichtweisen. Für uns technikversessene Westler fällt durch diese Anmerkungen ein Schlaglicht auf eine ganze Welt hinter den Bonsai, die uns aufgrund mangelnder Kenntnisse bisher weitgehend verborgen ist und deren Wurzeln so viel tiefer reichen, als das allgemeine Wissen dringt.


„Standard Edition 2003“. Hardcover, 188 Seiten, über 130 Farbfotos und 48 s/w-Fotos u. Abb. , 23,5 cm x 31 cm, englisch, 74,90 Euro

„Sakuteiki“ oder die Kunst des japanischen Gartens

von Jiro Takei und Marc Peter Keane

Manche Leserin oder Leser dieser Kolumne mag sich bisweilen gefragt haben, nach welchen Kriterien die Auswahl der hier besprochenen Bücher zustande kommt. Einige Titel mögen Verwunderung hervorgerufen haben, andere scheinen unmittelbar dazu angetan, in einer Bonsai-Fachzeitschrift rezensiert zu werden. Ich verstehe die hier veröffentlichten Texte zwar auch als Rezensionen von Bonsaibüchern, gleichzeitig geht es mir jedoch auch darum, das kulturelle Umfeld unseres Hobbys zu verdeutlichen. Bonsai ist ohne die Verknüpfung von Japan und unserer Kulturgeschichte nicht tiefer zu verstehen. Dabei geht es auch darum, verwandte und fremde gesellschaftlich rückgebundene Vorstellungen im Wandel der Zeit differenzieren zu lernen. Beispiele dafür sind die Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten in der Gartenkunst, die, hüben wie drüben, den Hintergrund der Bonsaikunst bilden.

takei01.jpg Originaltexte der uns fremden japanischen Kultur sind bei der Auseinandersetzung mit einem kulturellen Gegenstand unverzichtbar. Unglücklicherweise stehen nur vereinzelt klassische japanische Texte zu Bonsai in Englisch, noch weniger in Deutsch, zur Verfügung. Das in der letzten Bonsai Art rezensierte Buch „Classic Bonsai of Japan“ sehe ich in diesem Zusammenhang als wichtig an, enthält es doch wertvolle Auszüge aus verschiedenen Schriften zur Idee des Bonsai. Das hier zu besprechende Buch „Sakuteiki“ behandelt zwar nicht explizit Bonsai, kann jedoch einen Superlativ für sich beanspruchen: Es ist mit ca. 1000 Jahren das älteste Buch der Gartenkunst überhaupt und damit die älteste Überlieferung von Vorstellungen über die Hintergründe des Bonsai. Der Ulmer-Verlag hat sich mit der Auflage dieses Buches, das sicher kein Verkaufsschlager sein wird, sehr verdient gemacht. Den einen Autor Marc Peter Kean kennen Sie bereits aus einer Rezension in Bonsai Art 41. Der andere, Jiro Takei, ist der wohl ausgewiesenste Experte des „Sakuteiki“.
Es ist weniger der übersetzte Text selbst, der uns moderne Leser die Gartenwelt im Kyoto der Heian-Zeit (794–1185) erschließt, denn auch wenn man die Worte liest, so bleibt die Bedeutung doch oft rätselhaft. Es sind eher die klugen Texte und Anmerkungen der Autoren, die die schwierige Übersetzungsleistung erbringen, die hilft, die Menschen von damals in unserer aufgeklärten Zeit zu verstehen.
Um den Text des „Sakuteiki“ zu verstehen, erläutern die Autoren in kurzen Kapiteln vier Aspekte der asiatischen Denk-tradition, die große Bedeutung für die Gartenkunst hatten: die Natur, die Geomantie, der Buddhismus und die Tabus.
Im Abschnitt über die Natur erfahren wir, dass der Naturbegriff des „Sakuteiki“ nicht die Natur an sich meint, sondern ihr Wesen, das demzufolge sowohl abseits als auch innerhalb einer Gartenanlage hervortreten kann. Ein deutlicher Unterschied zu der westlichen Vorstellung einer Natur, die dem Menschengemachten, Kulturellen gegenüber steht.
Naturvorstellungen sind eng mit der Geomantie (bei uns durch das chinesische Fengshui bekannt) verbunden. Dazu seien nur einige Konzepte genannt, die dazu dienen, das ineinandergreifen aller Phänomene (Jahreszeiten, Geburt und Tod, Denken und Handeln) zu erklären. Ying und Yang, wie auch die Himmelsrichtungen, die Schriftzeichen und mythische Wesen wie blauer Drache und weißer Tiger haben hier ihre Bedeutung für die Gartenanlage.
Der Buddhismus, als dritter Aspekt, hatte auch starke politische Bedeutung und drückte sich dementsprechend auch in aristokratischen Gartenanlagen aus. Hier war die Schutzfunktion des Buddhaein wichtiger Faktor, die sich in einer bestimmten Gestaltungsform, etwa dem„Garten des reinen Landes“ niederschlug.
Gärten und ihre Bewohner konnten mit Hilfe von Tabus vor bedrohlichen Mächten geschützt werden. Diese Vorschriften sollten vor allem „Unreinheit“ vermeiden, eine wesentliche Vorstellung der alten Shinto-Religion. Tabus leiteten sich aus den drei oben erwähnten Aspekten ab und warnten vor Gefahren, die beim Übertreten dieser Vermeidungsregeln entstanden. Tabus legen beredtes Zeugnis ab über die Ängste vor Göttern und Geistern. Diese bekämen danach etwa über einen falsch gesetzten Stein so starken Einfluss auf den Hausherrn, dass dieser dadurch Wohlstand und Leben verlöre.
Durch diese vier Kapitel ist der Leser dann gut vorbereitet auf den eigentlichen Text des „Sakuteiki“, das eine lange Auflistung direkter Arbeitshinweise etwa für das Anlegen eines Teiches oder dem Setzen von Steinen beinhaltet.
Für den Bonsaianer ist vielleicht der Abschnitt über Bäume interessant. Hier findet man z.B. den Hinweis: „Bei der Pflanzung von Bäumen muss man außer den Himmelsrichtungen der vier Schutzgottheiten – Blauer Drache (Ost), Weißer Tiger (West), Roter Phönix (Süd) und Schwarze Schildkröte (Nord) – keine weiteren Gebote beachten.“ Jedoch gilt: „(...), dass ein in den unmittelbaren Mittelpunkt des Anwesens gepflanzter Baum dem Hausherrn immerwährende Schwierigkeiten bringt, weil diese Anordnung wie das Schriftzeichen „Ärger“ aussieht.“
Da wir diese Assoziation aufgrund einer anderen Schrift nicht teilen können, bleibt es uns überlassen, überkommene Regeln auf ihre Gültigkeit für unser Verständnis von Natur, Kultur, Garten und Bonsai zu überprüfen. Zu wissen, welche Hintergründe bestimmte Regeln haben, befreit einerseits von für uns leeren Bedeutungsinhalten, fordert uns andererseits aber auch auf, unsere eigene Bedeutungsgebung zu reflektieren. Es könnte ja sein, dass auch unsere Verbote oder Gebote unhinterfragte Vorstellungen enthalten, die unsere Kreativität hemmen.


208 Seiten, 16 x 23,5 cm, 34 sw-Abb., 16 Farbtafeln, Hardcover, Register, 29,90 Euro

„Bonsai, Gestalten - Pflegen - Porträts“

von Horst Stahl und Helmut Rüger

Das bekannte Dreamteam in Sachen Bonsaibücher hat ein neues Buch auf den Markt gebracht. Das Buch mit Hardcover beschreibt die Grundlagen des Gestaltens und Pflegens auf knapp 140 Seiten, ist somit vor allem an Menschen gerichtet, die mit Bonsai beginnen. Da es an Büchern für Anfänger nicht mangelt, stellt sich die Frage: Warum ein neues Buch dieser Art, zumal das an dieser Stelle positiv besprochene Bücherduo von Horst Stahl „Grundkurs Bonsai“ und „Der Weg zum Meister“ noch als Gesamtausgabe „Vom Grundkurs zum Meister“ verfügbar ist?.

stahl_bonsai_gestalten.jpg Die Grundkonzeption dieser letztgenannten Werke stammt aus dem Anfang der 90er Jahre und stellte damals die Spitze der Literatur aus Deutschland zur Einführung in das Bonsaihobby dar. Was kann das viel knapper gehaltene aktuelle Buch besser als die beiden älteren aus demselben Haus? Schauen wir uns das Gebotene an, so fällt eine klare Gliederung auf:
In der „Geschichte des Bonsai“ werden die historischen Zusammenhänge und das, was einen Baum zum Bonsai macht, abgehandelt. Dieser Abschnitt erläutert einerseits die Einbettung von Bonsai in die chinesische und japanische Kultur, andererseits werden hier die Elemente des Bonsai (Stamm, Wurzeln, Äste, Schale etc.) in ihrer Bedeutung für die Beurteilung von dessen Qualität eingeschätzt. Die Frage „Worauf muss man achten?“ taucht hier zum ersten Mal auf, wird jedoch das ganze Buch begleiten.
Im zweiten Abschnitt „Botanik und Pflege“ vermitteln die Autoren zuerst notwendiges Grundwissen in der Pflanzenphysiologie (Wurzeln, Rinde, Blatt etc.). „Wie funktioniert ein Baum?“ ist die Leitfrage, der sich folgerichtig die Diskussion der für eine erfolgreiche Bonsaikultur wichtigsten Aspekte anschließt: Was braucht ein Bonsai? (Erde, Wasser, Licht etc.) Die Autoren haben eine klare Position, man spürt deren langjährige Erfahrung in der Pflege von Bonsai. Die Themen Umtopfen und Werkzeuge behandeln sie ebenfalls in diesem Abschnitt.
Nach 50 Seiten beginnt der dritte Abschnitt „Die Ästhetik des Bonsai“. Hier werden die im ersten Teil grob skizzierten bedeutsamen Elemente des Bonsai wieder aufgegriffen und in einen ästhetischen Zusammenhang gestellt. Was ist schön? lautet hier die Frage. Dabei geht es um das Verhältnis von Gestaltung und Natürlichkeit, ein Thema, das auch die Gestaltungsformen betrifft. Zehn Grundstilarten werden genannt, was etwas willkürlich erscheint, aber den Autoren nicht anzulasten ist. Der vermeintliche Kanon der grundsätzlichen Gestaltungsweisen (Sind es Stile, Arten, Formen?) ist eher eine offene Versammlung von konkreten Bonsaigestaltungen, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts vorgefunden und typisiert wurden. Heute ist man von der Notwendigkeit einer sklavischen Unterwerfung unter die Stilarten abgekommen und gibt der Natürlichkeit einer Form den Vorrang. Neben den Grundstilarten ordnen Stahl/Rüger der Ästhetik auch die angemessene Präsentation eines Bonsai zu.
Sind die Grundlagen geklärt, wenden sich die Autoren der Gestaltungspraxis zu. Äste schneiden, Triebe pinzieren, Form-,Rück- und Blattschnitt sind richtig auszuführen. Unter „In Form halten“ kann man erfahren, wie das im Allgemeinen und im speziellen Fall von Laub-, Blüten-, und Nadelbäumen geht. Auf den Kiefernschnitt, das Drahten und die Alterungstechniken wird speziell eingegangen. Natürlich sollen auch Kenntnisse über Schädlinge und Krankheiten vermittelt werden. Ein kurzes Kapitel dazu schließt den Abschnitt „In Form halten“ ab.
Ab Seite 90 folgt auf die Pflicht die Kür: „Gestaltungsbeispiele“. Getreu der bisher in diesem Buch gepflegten Haltung, zuerst die Grundlagen zu schaffen und vom Einfachen zum Komplizierten voranzugehen, beginnen die Autoren mit der Gestaltung einer Hainbuche, die sie in einem heimischen Nachzuchtbetrieb für Rohpflanzen als Containerware ausgesucht haben. Das zweite Beispiel ist eine Fichte, die aus der Natur entnommen wurde (Yamadori). Auch sie erhält eine Grundgestaltung, diesmal wird die Krone aber komplett gedrahtet. Die beiden letzten Gestaltungen werden an zwei importierten Präbonsai durchgeführt. Ein aus der Form gewachsener Chin. Wacholder erhält seine Kronenform zurück und eine Mädchenkiefer erhält eine neue Vorderseite.
Der letzte Abschnitt befasst sich mit den bei uns am meisten gepflegten Pflanzen und ihren speziellen Bedürfnissen in der Bonsaikultur. Neben den weit verbreiteten importierten Arten stehen auch beliebte heimische Arten auf der Liste. Und hier dürfen natürlich die sogenannten Zimmerbonsai nicht fehlen, deren problematische Pflegebedürfnisse nicht unerwähnt bleiben.
Oben habe ich die Frage nach dem „Warum?“ eines neuen Buches für Anfänger gestellt. Um diese zu beantworten, muss ich noch ein paar Worte zu den Bildern verlieren. Durch das fast quadratische Format und den komprimierten aber inhaltsreichen Text können sich die Autoren leisten, viele schöne, recht große Bilder in dieses Buch zu bringen. Diese sind fast ausschließlich von Bonsai, die bereits lange in Deutschland wachsen. Die großen Bildformate illustrieren auf ausgezeichnete Weise das Gelesene. Der gehaltvolle Text arbeitet die zunehmenden Erkenntnisse verdichtet auf. Vieles, was im letzten Jahrzehnt zur Bonsaikultur geschrieben und entwickelt wurde, findet man hier ganz pragmatisch angewandt. Zu bemängeln ist allenfalls die auch in diesem Buch gepflegte Unsitte, bei der Artenvorstellung genaueste botanische Beschreibungen einer Baumart den Anleitungen voranzustellen. Das z.B. ein Zierapfel „zunächst filzig behaart, später kahle Zweige“ ausbildet, ist bei einer knappen Textvorgabe nicht wirklich mitteilenswert.
In diesem Buch findet man die Beschreibung der bei uns möglichen „guten Bonsaipraxis“ und die damit zu erzielenden Ergebnisse dargestellt. Es ist kein Buch, in dem alles steht, aber wer es kauft, erhält einen sinnvoll geordneten Stand aktuellen Grundwissens.


141 Seiten, 24 cm x 25 cm, 211 Farbfotos, Hardcover, Glossar, Register, 19,95 Euro

„Der Ausstellungsband der Kokufu-Bonsai-Ten 2005, der 79. Nationalen Japanischen Bonsaiausstellung“

Auch dieser Band entspricht in seinen vielgelobten Qualitäten seinen Vorgängern und bedürfte deshalb keiner neuerlichen Empfehlung. Ich habe mich aber dennoch zu einer Darstellung meiner Art der Betrachtung dieses Bildbandes entschlossen, weil ich Ihnen diesmal zwei der wunderbaren Bonsai auch im Bild näher vorstellen kann.

Kokufu_79.jpg Einen Bildband zu rezensieren ist immer ein wenig wie eine Oper vorpfeifen zu wollen, es fehlen die Bilder. So habe ich den Bildern auf dieser Seite etwas Raum gegeben und der Text soll das von mir Gesehene in Worte fassen.
Beide Bonsai fallen in die Kategorie „Important Bonsai Masterpiece“, sind also nach den Kriterien der japanischen Juroren würdig, den Titel „Bedeutendes Meisterwerk“ zu tragen. Was adelt nun diese beiden doch auf den ersten Blick so verschiedenen Bonsai? Was lässt die Kiefer gegenüber dem Wacholder noch ein Treppchen mehr erklimmen und den Kokufu-Preis gewinnen? Schauen wir uns die beiden einmal genauer an!

kokufu_79_24.jpg Der Chin. Wacholder, 72 cm breit, in der wegen des ausgezeichneten Laubes geschätzten Varietät Sargentii, ist ein außergewöhnliches Stück. Die Formgebung ist, alle anderen Aspekte dominierend, überaus spektakulär. Ich kenne keinen anderen Bonsai, der die Pfeilform so rein präsentiert. Die Halbkaskade stürzt in einem Winkel von 45° von rechts oben nach links unten in die Tiefe. Wie ein Adler, der, seine Beute im Visier, kurz vor dem Zuschlagen seine Schwingen öffnet, um im letzten Moment abzubremsen, stechen mehrere lange Jin oberhalb aus der Krone. Sie treten durch diese hindurch und bilden sozusagen die Pfeilspitze, die etwa auf Höhe der Schalenbasis endet. Dieser untere Stammteil trägt als einziger eine lebende Saftbahn. Im Gegensatz zu der dynamischen Diagonale der Jin und des Stammes bildet die einfache Kuppelkrone eine stabile Masse, die nach links versetzt in enger Verbindung zur würfelförmigen Schale steht. Diese beiden Elemente erden den Bonsai. Ein weiteres wichtiges Element der Gestaltung, das dieses explosive Design zusammenhält, sind die oberen Jinspitzen, die mit ihren hakenförmigen Enden das Auge immer wieder in die Sturzbewegung führen und dadurch gleichzeitig die obere Grenze des Bonsai markieren. Ein Baum der starken Effekte.


kokufu_79_32.jpg Nun zur Jap. Schwarzkiefer. Wie gesagt ist sie der diesjährige Kokufu-Preis-Gewinner in der Kategorie Nadelbäume. Nur die beiden Preisträger (der Laubbaum ist eine exzellente Hainbuche) werden vor einem dunklen Hintergrund fotografiert, wodurch der Betrachter nicht wie vor einem weißen Hintergrund mit scharfen Kontrasten konfrontiert ist. Die Szene wirkt geheimnisvoller. Bei dieser Schwarzkiefer kann man selbst auf dem Foto einen ausgezeichneten Pflegezustand erkennen. Die Nadeln sind sehr kurz, ohne unnatürlich zu wirken. Der Aufbau ist klassisch klar, die Rinde borkig, das ganze Erscheinungsbild kräftig und kompakt. Ein Baum wie ein Mann! Dieser Bonsai strahlt eine tiefe Ruhe, eine zeitlose Sicherheit aus. Ein Meisterwerk der Bonsaikultur, ohne Zweifel, aber, mit Verlaub gesagt, mir fehlt etwas. Das was der oben beschriebene Baum fast im Übermaß hat, ist bei dieser Kiefer über das Foto nicht zu spüren: Lebendigkeit. Mag sein, dass mich der Baum im direkten Kontakt berühren würde, seine Abbildung regt wenig an. Damit steht diese Kiefer ganz in der alten Tradition des Bonsai. Akkurate Bearbeitung, keine Effekte und keine Experimente in der Form.
Die beiden vorgestellten Bonsai sind quasi Antipoden in der Bonsaiwelt. Sie vertreten die progressive und die regressive Seite dieser Kunst und spannen uns so ein weites Feld der Möglichkeiten auf.

286 Seiten, 26 cm x 25 cm, durchweg farbig, Hardcover, Schuber, 99,– Euro

„Migliori Bonsai e Suiseki“

Die Ausstellungsbände der italienischen Bonsaivereinigung der Jahre 2004 und 2005

Alle Jahre wieder kommen Ausstellungsbände verschiedener nationaler Bonsaigesellschaften auf den Markt. Die UBI (Unione Bonsaisti Italiani) veröffentlicht seit 1997 jedes Jahr einen mit großem Erfolg.

Bis zum Jahr 2001 wurden die Bäume vor grau oder blau verlaufenden Hintergründen fotografiert. 2002 ging man zu schwarzen über, kehrte 2003 zu den helleren Verläufen zurück, um 2004 erneut die Bonsai vor schwarzem Grund zu platzieren. 2005 entschied man sich für einen weißen Hintergrund, der seine Einheitlichkeit wahrscheinlich durch die elektronische Bearbeitung (Freistellung) erhalten hat. Auf nicht wenigen der Fotos im Band 2005 sind die Bäume nicht tiefenscharf und kleiner als das Format des Buches zuließe. Der Band 2004 ist da deutlich professioneller fotografiert, wenn auch ein schwarzer Hintergrund die Kontraste der wichtigen Negativräume der Bonsai abschwächt. Ich beginne mit diesen formalen Details, weil ich betonen möchte, wie stark die Qualität eines Bonsai auf einem Foto von seiner gelungenen Ablichtung abhängt. Da ist vieles durch Beleuchtung zu optimieren oder zu verschlechtern. In den Kokufu-Bänden erscheinen die Bonsai etwas steril und dokumentarisch, versuchen so aber auch nicht durch Licht/Schatteneffekte zu täuschen. Überlegungen zum „Wie“ des Fotografierens gehören zur Präsentation von Bonsai, denn die allermeisten Menschen werden einen bestimmten Bonsai nur als Foto zu sehen bekommen. Nur einige wenige Enthusiasten in Deutschland können die großen Meisterwerke japanischer Bonsaikunst im Original bewundern.

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Nun aber zum Inhalt. Im Artikel von Alfiero Suardi auf Seite 72 ff. dieser Ausgabe (BONSAI ART 75) werden die prämierten Bonsai des Jahres 2004 kurz vorgestellt, allesamt präsentiert im Rahmen der EBA-Convention. Sie zeigen ein hohes Niveau der Gestaltung und Reife. Dabei fällt auf, dass gerade die heimischen Baumarten den Gestaltern Freiräume in der Formfindung zugestehen. Eine Föhre kann wie eine Jap. Rotkiefer gestaltet sein, wird sie auch oft, aber man findet auch eigenständige Entwürfe, die den Charakter der Waldkiefer überzeugend darstellen. Da passt manches nicht in vorgedachte Schemata, das muss es aber auch nicht. Ob man deshalb jedoch gleich einen „Italienischen Stil des Bonsai“ ausrufen und von „Nationalschätzen“ sprechen muss, sei dahingestellt. Insgesamt überzeugen mich die ausgewählten Stücke davon, dass im Jahre 2004 Italien einen herausragenden Beitrag zur Bonsaientwicklung im Westen geleistet hat.


ubi_2005.jpg 2005 sieht es etwas anders aus. Neben den oben bezeichneten Mängeln der Darstellung im UBI Band 2004 ist der diesjährige Katalog durch nur 74 Präsentationen von Bonsai, Shohin-Arrangements und Suiseki knapper ausgefallen als im Vorjahr. Auch die Qualität der Bäume ist insgesamt betrachtet wohl nicht so hoch anzusiedeln wie 2004. Auf die unvermeidliche Frage „Warum?“ kann ich nur spekulieren, vermute aber einen Grund in der Breite der Basis von Menschen, die sich mit Bonsai befassen. Die ist in Italien größer als in Deutschland, wo ca. 10.000 Menschen Bonsai pflegen. In Italien sind es etwa dreimal, vielleicht viermal so viele. Von diesem Grundstock, man könnte ihn, um im Bild zu bleiben, Nebari nennen, bearbeitet nur ein Bruchteil ihre Bäume konsequent, von denen wiederum nur wenige Ausstellungen bestücken. Gründe dafür gibt es viele, das Ergebnis ist jedoch ein Mangel an qualitativ hochwertigen Bonsai und entweder die Wiederkehr bekannter Bäume und Gestalter, oder eine geringere Qualität.
Wenn meine Überlegungen stimmen, ist zu vermuten, dass nach einer Kraftanstrengung zur international wichtigen EBA-Ausstellung 2004 die Bestückung der einfachen nationalen Schau nicht so üppig ausfiel. Das betrifft prinzipiell natürlich nicht nur die Italiener, sondern alle Nationen, deren Bonsaitradition nur wenige Jahrzehnte umfasst. Wieder erweist sich Geduld für jeden, der ernsthaft Bonsai betreibt, als unerlässlich. Selbst die reicht eigentlich nicht aus, denn in Deutschland und den anderen europäischen Ländern arbeiten wir erst in der ersten Generation an unseren Bonsai. Oder hat jemand von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, bereits einen ererbten Bonsai in Kultur? Falls es solche Bäume gibt, melden Sie sich mit diesen bei BONSAI ART, damit wir darüber berichten können. Wir bleiben jedenfalls auch nach 75 Ausgaben konsequent am Thema.