Der Veranstaltungsband der 5th World Bonsai Convention in Washington 2005

Alle vier Jahre findet seit dem 6.4.1989 eine große Versammlung der WBFF (World Bonsai Friendship Federation) statt. 2001 wurde sie in München abgehalten, 2005 in Washington, der Hauptstadt der USA. Der nun erschienene Bildband zu diesem Ereignis dokumentiert nicht nur die ausgestellten Bonsai, Suiseki und Schalen, sondern auch die Geschichte des modernen Bonsai aus der Sicht der Vereinigten Staaten.

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Wenn Sie einen Bildband erwarten, der ausgezeichnete amerikanische Bonsai zeigt, so werden Sie enttäuscht werden. Dieses Buch kann diesen Wunsch nicht erfüllen, wie auch schon die Ausstellung auf der vierten Welt-Bonsai-Zusammenkunft keine „Schau der besten Bonsai“ war und auch nicht sein wollte. Bei dieser Veranstaltung vom 28. bis 31 Mai 2005 standen andere Dinge als die Frage „Welcher ist der Schönste?“ im Vordergrund. Es ging um die Frage: Kann Bonsai mehr sein als nur ein nettes Hobby, bei dem man kleine Bäumchen in seinem Garten kultiviert? Es ging auch nicht um die hohe Bonsaikunst. Bonsai ist im Zusammenhang der WBFF die Basis und gleichzeitig ein Mittel für einen höheren Zweck: Die Welt zusammenzubringen! Dahinter steht eine Idee, die in den 80er Jahren von Saburo Kato und John Y. Naka vorangetrieben wurde. Die alten Männer, beide Japaner, der eine im Osten der andere im Westen sozialisiert, wollten etwas zusammenbringen, eine Brücke schlagen über den größten Ozean der Welt und vielleicht den größten Konflikt der Welt überbrücken, der beider Welt zerrissen hat: den 2. Weltkrieg, oder, wie er in Japan und USA genannt wird, den großen pazifischen Krieg. Kein kleines Unterfangen, das da den kleinen Bäumen zugemutet wurde. Aber es waren ja nicht die Bonsai, die das leisten sollten, sondern Kato und Naka setzten auf die Kraft des Überlebens und des Widerstandes gegen die Vernichtung, die auch den Menschen innewohnt. Diese Kraft wollten sie mit ihrer Initiative mobilisieren und sahen sie in Bonsai symbolisiert. Mancher wird diese beiden Botschafter einer vielfach belächelten „lebenden Kunstform“ mit ihrem Anliegen vielleicht nicht ganz ernst genommen haben, aber ihr „Friedensbonsai“ wächst, langsam und stetig, gepflegt von mittlerweile vielen Menschen in aller Welt. Die Überzeugung und Kraft kann man spüren.


Von der Idee nun zum Buch. Auffallend viele Textbeiträge stellen, neben den oben erwähnten, weitere wichtige Personen und auch das nationale Bonsai und Penjing Museum vor. Personen und Institutionen bilden das symbolische Rückgrat der Bonsai-Friedensbewegung und machen folgerichtig einen wichtigen Teil des Buches aus. Die ersten 50 Seiten des Bandes schließen mit der Einladung zur 6. Zusammenkunft 2009, die in Puerto Rico, Mittelamerika, stattfinden wird.


Im Anschluss fühlt man sich wieder ganz zuhause, denn nun werden die Ausstellungsstücke präsentiert. Sehr gute Fotos von über 50 Bonsai und Bonsaiarrangements, einer ähnlichen Zahl von Suiseki und danach noch einmal 25 Seiten mit Abbildungen von Bonsaischalen. Kurz möchte ich nun doch auf die Qualität der präsentierten Bonsai eingehen. Auffallend sind die vielen vertretenen Arten, u.a. auch subtropische und tropische Spezies. Ficus wird neben Chin. Wacholder, unsere Föhre neben einer Thuja ausgestellt. Überhaupt liegen Scheinzypressen in der amerikanischen Gunst scheinbar weit vorne. Auch die dort heimische Lärche, äußerlich kaum von unseren Arten zu unterscheiden, ist stark vertreten. Nick Lenz, dessen Buch ich vor längerer Zeit einmal hier rezensierte, hat zwei Exemplare ausgestellt. Ein Display arrangierte er mit einem schneckenartigen wohl selbstfabrizierten Fabeltier mit Stielaugen. Respektlos, könnte man meinen, aber nachdem ich den strengen Blick etwas abgemildert hatte, gefiel mir sein spielerisch ironischer Umgang mit den Konventionen. Insgesamt ist jedoch die Reife der meisten ausgestellten Bonsai für solch ein hochqualifiziertes Ereignis nicht als ausreichend anzusehen.


Abschließend kann ich dieses Buch denjenigen empfehlen, die sich für die Entwicklung des Bonsai im Westen interessieren. Wenn man des Englischen mächtig ist, erhält man mit diesem Veranstaltungsband interessante Informationen zu dem Thema.
(Zusätzliche Informationen zu der 5th World Bonsai Convention in Washington finden Sie auch in BONSAI ART 73.)


„Garden Plants of Japan“
von Ran Levy-Yamamori und Gerard Taaffe

Obwohl es sich bei diesem Werk um kein Bonsaibuch handelt, habe ich mich auf die Vorstellung an dieser Stelle sehr gefreut, denn ich halte es, vorweg gesagt, für ein sehr erfreuliches Buch, das viele Wünsche eines an Japan und seinen Pflanzen interessierten Menschen erfüllt. Was dieses Buch so einzigartig und in vielerlei Hinsicht brauchbar macht, möchte ich etwas umfangreicher erläutern.

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Im Bereich der Botanik sind die Neuerscheinungen fast unübersehbar. Nimmt man den angloamerikanischen Bereich hinzu, ist eine gute Auswahl schwer zu treffen. Die „Gartenpflanzen Japans“, 2004 in Amerika erschienen, treten aus dieser Fülle jedoch heraus. Für das Buch haben sich zwei Autoren, ein Israeli und ein Ire, zusammengetan, die vor Ort gelebt haben, die japanische Sprache perfekt sprechen und dort anerkannte Gartenexperten sind. Westliches Denken paart sich mit unmittelbaren Erfahrungen und Kontakten in Japan und ermöglicht so, schon von den Voraussetzungen für solch ein Werk her, ein herausragendes Ergebnis.
Beginnt man mit der Frage, was man von einem Buch über die Gartenpflanzen Japans erwartet, spannt sich der unbescheidene Bogen von schönen Bildern über Verwendbarkeit in unserem Klima oder die Verwendung im jap. Garten bis hin zu Fragen nach der historischen Bedeutung oder auch der Verbreitung einer Art in Japan selbst. Alle Informationen mögen zudem noch übersichtlich und praktisch geordnet sein. Im Grunde wünscht man sich auch, zumindest ich tue das, ein Buch, das dem Leser ein Reisebegleiter durch die Gärten und Natur Japans ist, ebenso wie ein Bildband und Pflanzenlexikon als auch eine Anleitung zum richtigen Gärtnern. Nicht das dieses Buch alle Wünsche erfüllt, aber von allem ist etwas dabei.
Im Einzelnen sind die 440 Seiten dieses schön gebundenen Buches wie folgt aufgebaut: Nach einem interessanten, fast essayistischen Vorwort von E. Charles Nelson und Danksagungen der Autoren folgt eine lange Einleitung, durch die der Leser in die Klimazonen, typische in Japan beheimatete Pflanzen, die verschiedenen Besonderheiten der Jahreszeiten, die Rolle der heimischen Pflanzen im jap. Garten, alte Bäume, japanische Gärtner, die Bonsaikunst und die Geschichte der europ. Pflanzenforschung eingeführt wird. Das alles kommt kurz und knapp, aber sehr kundig daher.
Dem größten Teil des Buches, gut 350 Seiten, sind dann den Bäumen und Sträuchern, Kletterpflanzen, Kräutern, Bambussen, Gräsern, Farnen und Moosen vorbehalten. Dem folgen Hintergrundinformationen und Listen zu den historischen Perioden, Umrechnungstabellen, ein Glossar botanischer Begriffe, eine Bibliografie der verarbeiteten neueren jap. Fachliteratur und den Indices der Pflanzennamen und spezieller jap. Begriffe. Soweit der Überblick.
Wirklich hilfreich und erhellend sind die Informationen zu den Pflanzen. Man findet deren jap. und engl. Namen, Familie, Verbreitung, Beschreibung, Boden- und Lichtansprüche, Schnittverträglich-keit, Vermehrung, Härte, Gebrauch im Garten und als Bonsai sowie deren besonders interessante Punkte. Dann folgen Sorten und Varietäten der Art. Diese sehr erfahrungsgesättigten Informationen werden von Farbbildern begleitet, die die bemerkenswertesten Eigenschaften (etwa Blätter, Blüte, Rinde oder Habitus) der Pflanze illustrieren. So ist der Band auch zur Identifizierung unbekannter Arten dienlich. Ab und an gibt es auch Bilder aus dem natürlichen Habitat der Pflanzen zu sehen, meist mit einem recht genauen Hinweis auf den fotografierten Ort. Das erlaubt dem versessenen Pflanzenfreund, z.B. die Varietät Nana von Taxus cuspidata am Berg Dai-sen in der Präfektur Tottori aufzuspüren, oder sich persönlich einen 200 jährigen Enkianthus im Garten Kairaku-en, in der Stadt Mito, Ibaraki-Präfektur, anzusehen.
Aber nicht nur die Bäume werden so anregend präsentiert. Auch die Kletterpflanzen sind von Akebia bis Wisteria mit zum Teil spektakulären Exemplaren vertreten. Neben den krautigen Pflanzen, Bambus und Gräsern möchte ich auf die für den jap. Garten und die Natur so typischen Farne und Moose hinweisen, die sicher nur wenige Enthusiasten kennen und hier Namen und Gesicht bekommen und quasi aus dem Schattendasein heraustreten.
Sie merken, dass mich dieses Buch begeistert und ich dementsprechend eine Empfehlung aussprechen möchte. Es schlägt in mancherlei Hinsicht Brücken zwischen sonst oft unverbunden nebeneinander stehenden Bereichen und man spürt, dass die Autoren die jap. Flora wirklich lieben. Wer das von sich auch behaupten kann oder zumindest eine Tendenz dazu hat, kommt um dieses Buch nicht herum.

440 Seiten, 22,5 cm x 28,5 cm, englischsprachig, durchweg viefarbig, Hardcover mit Schutzumschlag, 59,00 Euro


"Gartenhandbuch Steingartenpflanzen“ und "Schädlinge & Krankheiten“

von der Royal Horticultural Society

Die Vorstellung von Büchern an dieser Stelle, die nur mittelbar etwas mit Bonsai zu tun haben, ist natürlich auch dem Mangel an interessanten Neuerscheinungen im eigentlichen Themenschwerpunkt geschuldet. Sie ist jedoch beileibe kein Notprogramm, sondern für mich das Überschreiten der manchmal etwas engen Begrenztheit auf "nur Bonsai". Es ist der Blick "über den Tellerrand", besser "über den Gartenzaun", um Bonsaipraxis einzubinden in Gartenpraxis. So können Sie von den vielen Erfahrungen profitieren, die Generationen von Gärtnern in Europa gesammelt haben.

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Bekannt und berühmt für dieses Wissen sind die Briten. Speziell die Royal Horticultural Society hat einen ausgezeichneten Ruf und lässt ihre deutschsprachigen Bücher meist vom internationalen Verlag Dorling Kindersley herausbringen, so auch die beiden Rezensionsbücher.
Englische Gartenbücher haben ein typisches Layout: Sie sind um Genauigkeit bemüht, wollen aber nicht zu streng oder steif wirken. Meist sieht das dann so aus, dass viele Detailfotos gebracht werden, freigestellt vor weißem Hintergrund. Das Buch über Schädlinge und Krankheiten ist typisch für dieses Layout. Das Gartenhandbuch, das ich zuerst besprechen möchte, folgt diesem Muster nicht ganz, denn die vielen Fotos werden im uns vertrauteren Rechteckformat verwendet. Dem Charakter dieses Nachschlage- und Bestimmungsbuches entspricht das jedoch auch mehr. Dieses Buch bleibt nicht bei einer abstrakten Auflistung von Steingartenpflanzen, sondern wird ganz praktisch für den, der sich solch einen Garten anlegen will. Was sind aber eigentlich Steingartenpflanzen? Meist sind es alpine Stauden, die in einem nachgebildeten Gebirgsausschnitt arrangiert werden. Hier liegt die Verbindung zu unserem Hobby. Die Begleitpflanzen (Shitakusa) und sogar der erweiterte Bonsaibegriff, der auch Wildgräser in Schalen einbezieht (Kusamono), rekrutieren sich aus dem Pflanzensegment, das in diesem Buch behandelt wird. Manche der heimischen Pflanzen kennen wir von unseren Bergspaziergängen. Wir finden sie auf Almen, in Bergwäldern und bis hinauf in die unwirtlichen Felsregionen, wo sie die Begleiter der Bäume sind, die oft Vorbild, manchmal konkretes Material für unsere Bonsai sind.
Das Buch führt 450 dieser Pflanzen auf, ordnet sie nach Größe und interessantester Jahreszeit, wodurch die wichtigsten Orientierungen für die Pflanzung im Garten gegeben werden. Ergänzt wird diese Liste durch Sonderartikel, die gärtnerisch besonders interessante Arten hervorheben. Alles ist auf die Bedürfnisse eines Gärtners angelegt, dessen Planung eines Steingartens vorliegt, und der nun nach Farben und Größen seine Bepflanzung aussuchen möchte. Diesem Zweck dient auch die Liste mit Vorschlägen für besonders robuste Arten. Weiter bietet das Buch Tipps von der Anlage eines Steingartens über Vermehrung und Pflege bis hin zum Selbstbau eines Pflanztroges aus Kunsttuff. Gut 190 Seiten im DINA5-Format sind randvoll mit sicheren Informationen, die auch dem Bonsaigärtner hilfreich sind.

dk_schaedlinge.jpgDas zweite Buch, "Schädlinge & Krankheiten", kommt im typischen Layout britischer Gartenbücher daher. Wie unter dem Mikroskop treten uns die schrecklichen Folgen eines Pilzbefalles oder die gruselige Brut des Dickmaulrüsslers entgegen. In diesem Buch ist alles, was man sonst oft nur beschrieben findet, auch im ? sogar schönen ? Bild dargestellt.
Der Aufbau? Nach einer kurzen Einführung erklärt das Buch sich selbst, indem es beschreibt, wie man es am besten benutzt. Hier erfährt der Leser, dass er auf drei Arten suchen kann: Nach Schadbild, nach Pflanze oder nach Problem. Das sind auch schon die drei Hauptteile des Buches, die durch einen Teil über die Wechselwirkung von Schäden und Gartengesundheit sowie einen Nachschlageteil, der Pflanzenschutzmittel beschreibt, ergänzt werden.
Die Schadbilder sind sicher das Pfund, mit dem dieses Buch besonders wuchern kann, denn hier findet man die bunte Vielfalt der Krankheiten, Schäden und Störungen unglaublich liebevoll in wunderschönen Bildern wiedergegeben und damit sehr gut identifizierbar. Der Mittelteil, farblich gut abgesetzt, ist eine detailreiche Auflistung zu den einzelnen Krankheiten und Schädlingen und bietet Erklärungen zu Ursachen und Maßnahmen. Der dritte Teil führt die Pflanzen und ihre Probleme mit entsprechenden Seitenverweisen auf.
Alles in allem ist dieses nahezu DINA4 große und hart eingebundene Buch eine wirkliche Hilfe für das Erkennen von Problemen. Es versteht sich modern ökologisch, indem es die Zusammenhänge von Schaden und Schwäche sieht. Starke Pflanzen werden meist nicht krank oder befallen.
Beide Bücher bestätigen das positive Vorurteil, dass die Briten praktische, informative und nicht zuletzt schöne Gartenbücher machen. Empfehlenswert!

Steingartenpflanzen:
190 Seiten, 15 cm x 21,5 cm, durchweg vierfarbig, Broschur, 12,90 Euro

Schädlinge & Krankheiten:
224 Seiten, 20 cm x 27 cm, durchweg vierfarbig, Hardcover, 24,90 Euro


Band 80 der Kokufu-Bonsai-Ten

„The Secret Techniques Of Bonsai“ von Kawasumi Masakuni II u.III

Zwei Bücher, die eher der Tradition als der Moderne verpflichtet sind, so könnte man vermuten. Der achtzigste Band des berühmten Ausstellungskataloges wird klassischerweise nach der kaiserlichen Regentschaft gezählt, die 1926 mit Hirohito, dem 124.Tenno, beginnt. Da dieser jedoch 1989 starb und damit die Showa-Periode zuende ging, wäre die Reihe traditioneller Zeitrechnung entsprechend eigentlich mit Band 63 abgeschlossen und 1990 mit Band 1 der Heisei- Periode fortzusetzen gewesen. Auch die Werkzeugmacherdynastie Masakuni, deren männlicher Erbe jeweils den gleichen Vornamen bekommt, zählt sich über die Generationen fort. Ist das nun Modernisierung oder Traditionsbildung oder beides? Mich verwundert manchmal, an welchen Stellen in Japan Neuerungen eingeführt werden und an welchen anderen man an Altem festhält.

Kokufu 80

Was gibt es nun Neues oder auch Altbewährtes in den beiden Büchern zu entdecken? Natürlich naht nicht nur die Zeit der Geschenke, als die sich die Kokufu-Bände besonders eignen, sondern auch die der Gestaltung, bei der das Buch von Vater und Sohn Masakuni hilfreich sein kann. Zuerst zum 80. Ausstellungsband der Nationalen japanischen Bonsaiausstellung 2006. Da ich voraussetze, dass die allermeisten von Ihnen einmal einen der ausgezeichnet fotografierten und hervorragend gemachten Bände in der Hand hatte, (wenn nicht, müssen Sie es nachholen!) hier nur der kurze Hinweis auf fast 500 (!) abgebildete Bonsai. Eingehen möchte ich auf zwei von diesen, die nicht nur Meisterwerke sind, sondern auch noch auf der Ausstellung den begehrten Kokufu-Preis erhielten. Die Jap. Scheinquitte, nur 35 cm hoch, zeigt eine überaus einfache Gestalt. Die Silhouette der Krone erhebt sich wie ein leicht asymmetrischer Hügel über der flachen blauen Schale. Die einfachen Formen von Meer und Berg, gerader und gekrümmter Linie. Einige wenige der roten Blüten sind im Gewirr der Zweige mehr zu erahnen als zu sehen. Dieser Bonsai wirkt wie ein abstraktes, äußerst reduziertes Landschaftsmotiv. Dieser Bonsai ist so reduziert, dass sogar etwas fehlt, was vermeintlich jeder Bonsai haben sollte: ein Stamm. Dieser Bonsai ist im eigentlichen Sinn kein Baum mehr, und wird so ganz grundsätzlich seiner Natur, nämlich ein Strauch zu sein, vollends gerecht. Für mich eines der anregendsten, avanciertesten Stücke im Buch.

Jap. Scheinquitte Igelwacholder

Ganz anders der zweite Bonsai, der den Kokufu-Preis erhielt, ein Igelwacholder. Er ist ganz Baum, kaum Abstraktion. Der gerade Stamm, nur noch zur Hälfte lebendig, ist Zentrum und Angelpunkt des Bonsai. Die fein gegliederte Krone, konsequent aus dem Zentrum nach rechts verschoben, zeigt, dass dieser Baum schon vor Jahrhunderten seine Symmetrie, nicht aber seine Mitte, verloren hat. Die Schale, ein mächtiger, erdiger Block, will, wie die Basis des Stammes, nichts anderes sein als ewige Stabilität. Die tote Spitze verweist auf die Vergänglichkeit. Ein uralter Baum, vielleicht auf einem Friedhof, an einer Kirche oder einem Schrein. Dieser Bonsai, ganz Stamm und Krone, lässt weder Äste noch feinsinnig metaphorische Anspielungen an Menschliches vermissen, er ist einfach Baum.

Secret Techniques of Bonsai

Die geheimen Techniken des Bonsai, wie das Buch der Masakuni übersetzt heißt, hat den Untertitel: „Ein Handbuch zu Beginn, Aufzucht und Gestaltung von Bonsai.“ Es ist rund um den Werkzeuggebrauch konzipiert und bietet so eine ganz neue Perspektive auf Vermehrung, Pflege und Gestaltung. Masakuni II starb 2002, noch bevor das Buch beendet war, es trägt aber überwiegend dessen Handschrift. Auf den gut 100 Seiten finden sich wenige farbige, aber viele Schwarzweißfotos, die vor allem Bonsai zeigen, deren Formen in den langsamen Prozessen der „alten Schule“ entwickelt wurden. Kawasumi Masakuni III, im Buch ist er „Tree Doctor“ genannt, ergänzt die Einsichten seines Vaters in abgesetzten Textkästen durch Pflegetipps.
Die Leserin und der Leser finden in diesem Buch, leider nur auf Englisch, originäre Gedanken, die das Spektrum einer paradoxen Definition sind: Bonsai sind sowohl genau dasselbe, als auch grundsätzlich verschieden von Bäumen in der Natur. Ein praktisches aber auch weises Buch.

Bildband Kokufu-ten 80:
492 Seiten, Hardcover, 26 cm x 25 cm, durchgehend vierfarbig, 119,00 Euro

Secret Techniques Of Bonsai:
111 Seiten, 19,5 cm x 27 cm, viele s/w- und Farbfotos, Hardcover, 27,50 Euro

„Bonsai – Die hohe Kunst“ von Horst Stahl

Der Mann, der sich in Deutschland seit Jahrzehnten am intensivsten mit der Erstellung von Büchern zum Thema Bonsai beschäftigt, ist Horst Stahl. Seine Bücher gehören zu den meist verkauften und sein „Bonsai – Vom Grundkurs zum Meister“ ist ein Standardwerk. Was hat das gerade ebenfalls bei Kosmos erschienene neue Buch, das einen Einblick in die hohe Kunst des Bonsai vermitteln will, gegenüber seinem bisher umfassendsten Werk zu bieten?

Bonsai. Die hohe Kunst.

Das neue Buch ist anders und trotzdem erscheint es in manchen Aspekten vertraut. Anders ist das Format und die gesamte Gestaltung. Deutlich über DINA4 groß, erwartet der Leser kein Lehrbuch zu Bonsai sondern allein vom Format einen Bildband, und wird nicht enttäuscht. Zu den inneren Werten jedoch später, bleiben wir noch beim Äußeren.
Modern erscheint der mattschwarze Schutzumschlag mit dem freigestellten Chin. Wacholder und dem roten, wie mit dem Pinsel hingeworfenen Bonsai-Schriftzug. Das Buch „Vom Grundkurs zum Meister“, eigentlich zusammengesetzt aus zwei einzelnen Bänden, ist mit seinen etwa 300 Seiten um 50 Seiten umfangreicher als Stahls neues. Bei diesem sind die ersten 110 Seiten der Bildbandteil, in dem oft ganzseitig große Bonsaifotos gebracht werden.
Der zweite Teil von „Bonsai – Die hohe Kunst“ ist der fachlich inhaltliche Teil, auf dem über 130 Seiten Philosophie, Geschichte, Physiologie, Pflege, Auswahl, Gestaltung, Erziehung und „Verzwergung“, Schalenwahl, Shohin, Beurteilung und Präsentation in der Bonsaikultur dargestellt werden. Ergänzend gibt es ein Glossar, Adressen und ein Register.
Der erste Teil, der einem Bildband nicht unähnlich ist, wird inhaltlich dadurch mit dem zweiten Teil verbunden, dass die Überschrift „Gestaltungsformen“ dafür gewählt wurde. Kurze Kommentare weisen auf Stilform und Besonderheiten hin. Vielen BONSAI ART-Lesern werden die dort abgebildeten Bonsai nicht unbekannt sein. Interessant ist die selbstbewusste Zusammenstellung u.a. dadurch, dass sich auch Bonsai von deutschen Gestaltern (davon viele von Walter Pall) finden.
Die oben aufgezählten Kapitel sind unterschiedlich umfangreich und werden jeweils durch ein großes über eine Seite hinausgehendes Foto eingeführt. Erziehung und „Verzwergung“, also die Bonsaitechniken, bilden mit über 30 Seiten das wie zu erwarten stärkste Kapitel. Hier merkt man besonders, dass Horst Stahl möglichst alle relevanten Informationen bringen will und eigentlich nichts beim Leser voraussetzt. Dabei nimmt er auch neue Trends, wie etwa die Kultivierung von Jungpflanzen im Nudelsieb, auf.
Schön sind die Zwischenüberschriften in den einzelnen Abschnitten der Kapitel, die als Fragen formuliert sind. Hier tauchen die von jeder Bonsaiaustellung bekannten klassischen Fragen (im www nennt man das FAQ) auf und werden aufs Neue geduldig beantwortet.
Apropos neue Trends: Man merkt, dass Horst Stahl viele verstreute Informationen sammelt, aufarbeitet und in seine Bücher aufnimmt, was ausgesprochen aktuell wirkt. Das eigene Kapitel für Shohin zeugt ebenfalls davon. Auch vor heiklen Positionsbestimmungen macht er nicht halt, wenn es um Bonsaibeurteilung geht. Manche Angaben sind dabei klar und deutlich, damit aber auch angreifbar, andere, wie etwa die Frage nach der richtigen Schale, erhalten nur eine vage umschriebene Antwort. Insgesamt ist das neue Buch von Horst Stahl gelungen, nimmt man es als Bestandsaufnahme des aktuellen Bonsai, als Kompendium der Bonsaikultur oder Enzyklopädie dieses Kunsthandwerks.

Bonsai – Die hohe Kunst
253 Seiten, Hardcover, 24 cm x 30 cm, durchgehend vierfarbig, 49,90 Euro