„Mit Moos begrünen – eine Anleitung zur Kultur“ von Jan-Peter Frahm und „Tropical Bonsai Gallery“ von Budi Sulistyo


Das kleine Büchlein über Mooskultur steht im Mittelpunkt dieser Besprechung. Sehr speziell ist sein Zuschnitt und passt so genau in den Interessenbereich der Bonsaifreunde. Endlich, so ist zu hören, ein Buch das konkrete Fragen nach dem grünen Teppich unter unseren Bonsai beantwortet.
Tropische Bonsai – nicht Zimmerbonsai – sind in einer beeindruckenden Galerie versammelt worden und zeigen das Potenzial dieser oft unterschätzten Arten, die das ganze Jahr Wärme und Sonne brauchen.


frahm_moose.jpg Unscheinbar, wie sein Gegenstand, ist dieses Buch über Moose und hat sich trotzdem auf Platz 1 unserer internen Verkaufsliste geschlichen. Also stelle ich Ihnen dieses Buch hier vor, denn so viele Leute irren sich nicht, oder doch? Softcover, gut 100 Seiten im DIN-A5-Format, einige (meist grüne) Farbbilder: So schaut es aus, das Buch über den Umgang mit diesen unscheinbaren Landpflanzen, die keine allgemein anerkannte Systematik haben. Der Autor ist Professor an der Uni Bonn und ein ausgewiesener Experte, ein Bryologe. Glücklicherweise hat er auf „Wissenschaftlichkeit“ zugunsten von „Lesbarkeit“ verzichtet. Frahm nennt Rezepte, Namen von Firmen und Orten, so dass sein Buch sehr „praktisch“ ist. Was erfährt man im Einzelnen?

Hier merkt man doch die genaue Strukturierung und die wissenschaftliche Herangehensweise. Viele Kapitel gliedern sich in viele Unterpunkte. Hundert Seiten mit fast 20 Kapiteln und nahezu auf jeder Seite ein Unterpunkt – da kann Struktur schon mal unübersichtlich wirken. Aber gleichzeitig kann man schon in der Inhaltsangabe viele interessante Punkte ausfindig machen. Etwa ist im Kapitel „Mooskultur im Garten“ der Unterpunkt „Klimatische Voraussetzungen“ wichtig, weil er auch uns Bonsaianern ganz nebenbei aufzeigt, dass Moosgärten wie in Japan auch bei uns nur in Gegenden möglich sind, die eine dauerhaft hohe Luftfeuchte aufweisen. Das braucht man z.B. auch für die Kultur der Rotfichte. Dabei hilft die Niederschlagsmenge nicht weiter – die kann ja auch bei fünf Gewitterregen niederprasseln – sondern da geht es um feuchtes Mikroklima, viel oder wenig Tau, der wieder von der Tag-Nacht-Temperaturdifferenz abhängt. Man kann viel lernen von Herrn Frahm, dessen Erfahrungen in der Praxis auch unseren Pflanzen zugute kommen können. Für Liebhaber tropischer Bonsai, die ja den Winter drinnen zubringen, ist eine Mooskultur auf der Erdoberfläche sicher auch attraktiv und kann eine natürliche Ausstrahlung der Bonsai unterstützen. Frahm weiß bei allen Sorgen Rat und selbst bei Fragen, auf die ich gar nicht gekommen wäre, gibt er Antworten. Sammeln, selbst durch Sporen vermehren, Moos als Schneckenschreck oder Wasserenthärter, alles drin in dem kleinen Büchlein, das eine etwas größere Schrift vertragen hätte und dann auch ein stattliches Buch geworden wäre. So ist es „nur“ ein kleines überaus empfehlenswertes Buch mit ganz viel drin über ein unscheinbares Thema.

tropical_bonsai.jpg Die Galerie tropischer Bonsai ist ebenfalls ein Softcover-Buch mit 236 Seiten, auf denen jeweils ein Bonsai abgebildet ist. Und was für Bonsai! Indonesische, d.h. tropische Bäume mit Totholz, die wirken wie uralte Kiefern oder Wacholder, Laubgehölze, die aussehen wie mächtige Baumveteranen, die Jahrhunderte unter Schnee und Eis gelitten haben. Man traut seinen Augen nicht, muss mehr als zweimal hinsehen, um dann doch die Blätter der Carmona zu erkennen oder die Nadeln der Casuarina, die eigentlich zur Ordnung der Buchenartigen gehört. Aber hier kommt man mit dem an Pflanzen der gemäßigten Breiten geschulten Blick nicht weiter, denn uns wird in diesen Bildern vorgegaukelt, solche Bäume vor uns zu haben. Die traditionelle Kiefernform findet sich hier in exzellenter Ausführung durchkomponiert bei einer Pemphis, einem Weiderichgewächs, das mit unserer Myrthe oder dem Granatapfel verwandt ist. Man mag eine so an einer fremden Formensprache angelehnte Gestaltung tropischer Pflanzen kritisch sehen, mich hat die extrem hohe Qualität der Verfeinerung verblüfft und beeindruckt. Bonsai hat eben doch seine eigenen Regeln und ist immer mehr auf dem Weg, eine abstrakte Kunstform zu werden, im Fall der tropischen Bonsai besonders, weil diese Bäume aussehen sollen, als seien sie nicht von dort.

Mit Moosen begrünen. Frahm, Jan-Peter
123 Seiten, 15cm x 21cm, 136 meist farbige Abbildungen, Softcover, 11,90 Euro

Tropical Bonsai Gallery. Sulistyo, Budi.
236 Seiten, 19cm x 23cm, durchweg farbig, Softcover, 29,00 Euro

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„30 Jahre Bonsai-Club Deutschland“


Ein Verein schenkt sich was zum Geburtstag. In diesem Fall ist es der BCD, der sich ein schönes Buch zu seinem dreißigsten schenkt, sich damit feiert, aber auch zeigt, was in ihm steckt. Neben den aktuellen Top-Bonsai aus den Reihen der Clubmitglieder, die den heutigen Stand der organisierten Bonsaikultur in Deutschland repräsentieren, hat der Club sich damit auch seine Geschichte geschrieben. Seine Teen- oder Twen-Zeiten hat er hinter sich. Wie die waren, kann man nun nachlesen.

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Zehn Seiten dokumentieren die Geschichte des Bonsaiclubs, dessen nationale Organisation immer zugleich ein Vorteil (zentrale Stelle, um alles rund um Bonsai zusammen zu bringen) und Nachteil (wenig Kontakt der Nicht-Süddeutschen) war. Die ewige Föderalismusdebatte aus der großen Politik zeigt, dass Deutschland insgesamt mit seiner Geschichte diese Widersprüche in sich trägt. Daran schließt sich eine Seite an, die Bonsai – ohne Club – seit 100 Jahren in Deutschland beschreibt. Auch hier ist der Autor Herbert Obermayer aus der „Dresdner Gruppe“, deren Ausstellung 2007 dieses Jubiläum zum Anlass nahmen.
Nun, wie auch immer man Geschichte oder Geschichten schreibt, 30 Jahre einen Club zu erhalten hat viel Arbeit gemacht und damit vielen Menschen den Zugang zu Bonsai ermöglicht. Dafür gebührt dem BCD Dank.
Kommen wir aber zu den aktuellen Bonsai, um die es ja eigentlich gehen soll. Davon sind in diesem Buch ca. 100 Exemplare abgebildet, von denen mehr als die Hälfte nicht aus dem Import stammen. Bonsai hat also nun seine Heimat auch im Westen gefunden. Was viele weitsichtige Japaner schon immer wussten, dass Bonsai eine Weise ist, Bäume zu sehen und diese Sichtweise anderen vorzustellen, hat sich zunehmend durchgesetzt. Auch ich dachte in den 80ern noch, echte Bonsai könnten nur aus Japan kommen. Dass es auch wahre Bonsai in Deutschland gibt, zeigen die ausgezeichneten Bilder dieses Buches.
Die Bilder machen aber auch klar, dass es „erst“ 30 Jahre – und meist sehr viel weniger – sind, die diese Bonsai der menschlichen Kultivierung ausgesetzt waren. Ein Beispiel: Nicht umsonst wird die nationale japanische Bonsai-Ausstellung (Kokufu-ten) im Februar, d.h. im Winter abgehalten. Die laubabwerfenden Bäume zeigen ja nur in der kalten Jahreszeit ihre ganze filigrane Schönheit. Die Jahresausstellung des BCD fand jedoch im Oktober statt. Die Ahorne und Co. standen dementsprechend in vollem Laub, oft noch nicht einmal in buntem. Da gibt es für den feinsinnigen Bonsaifreund kaum was zu sehen von der nackten Schönheit dieser Spezies. Nur wenige der ausgestellten Laubbäume werden aber die hohe Qualität der Feinverzweigung aufweisen, um derentwillen eine Ausstellung im Winter stattfinden müsste. Bleiben wir also bescheiden und schauen auf die bereits entwickelten Qualitäten, und derer sind viele.
Der Siegerbaum heimischer Herkunft – eine Fichte auf Felsen – hat eine Dramatik und ausgesprochen wild-natürliche Ausstrahlung, wie man sie auch in Japan nur sehr selten findet. Ein würdiger Träger der Goldmedaille. Auch diesem Bonsai ist die noch geringe Feinverzweigung anzusehen, aber hier gehört sie zu dem Konzept einer Kaskade, von deren Zweigen nur die vitalsten überleben und dichte Etagen unpassend wirken würden.
Solche Überlegungen wären auch an verschiedenen anderen Stellen angebracht, nämlich dort, wo schwere Stammverletzungen (Shari) und üppige Kronen eigentümliche Gemeinschaft bilden. Auch die Frage der Astgestaltung (Grundschulwissen des Bonsai) wird z.T. höchst individuell verstanden. Das führt zu Bonsai, deren Bewegung in den verschiedenen Ebenen nicht harmonisch gerichtet sondern auseinander strebend unentschlossen wirkt. Schade, denn oft könnten kleine Korrekturen den ganzen Bonsai sehr viel stimmiger erscheinen lassen.
Bonsai ist eine Schule des Sehens – eine, die in unserer Kultur nicht gelehrt wird. Der Club hat, vielleicht ohne es zu wissen, vor 30 Jahren mit dem Unterricht angefangen. Heute ist in dem vorliegenden Buch abgebildet, was die Mitglieder, deren Sehvermögen am weitesten entwickelt worden ist, erkennen und für andere sichtbar machen können. Zum Sechzigsten werden uns die Augen übergehen.

30 Jahre Bonsai-Club Deutschland
128 Seiten, durchgehend farbig, Hardcover, Schuber, 39,90 Euro

„Pines“ aus der Bonsai TODAY Masters’ Series

„Winzig kleine Gärten – Von der Faszination japanischer Innenhöfe“
von Michael Freeman

Das zweite englischsprachige Buch aus der Reihe, in der auch das in BONSAI ART 87 besprochene Buch über Wacholder erschienen ist, möchte ich Ihnen diesmal vorstellen. Dazu werde ich noch ein paar Worte über ein kleines Buch über winzige Gärten verlieren, das mich auf einer kurzen Reise ausgezeichnet unterhalten und erfreut hat.

 

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Pines, also Kiefern, sind eine typische Gattung unter den Bonsai und gehören zu den Bäumen, deren Bonsaikultur am weitesten zurück zu verfolgen ist. Sie wurden schon immer wegen ihrer symbolischen und nicht wegen ihrer konkreten Bedeutung, wie etwa Obstgehölze, gezogen. Für viele Laien ist Bonsai gleichbedeutend mit Kiefer. Die klassischen Bonsai-Kiefern sind die Jap. Mädchenkiefer (Pinus parviflora) und die Jap. Schwarzkiefer (Pinus thunbergii). Genau um diese beiden Arten geht es in dem Buch, das, ebenso wie das über die Wacholder, aus bereits veröffentlichten Artikeln unserer amerikanischen Schwesterzeitschrift BONSAI TODAY zusammengestellt wurde. Dabei wurde den beiden behandelten Arten jeweils ein einleitender Text vorangestellt. Die meisten dieser Artikel kann man auch in alten Ausgaben von BONSAI ART finden, in einem Buch zusammen gefasst ist die Lektüre jedoch bequemer. Was bieten die einzelnen Artikel nun für Informationen an?
Grundsätzlich finden sich 8 verschiedene Artikel über Mädchenkiefern und 6 zu Schwarzkiefern. Sie ergeben einen interessanten Info-Mix aus Pflege-, Kultur- und Gestaltungstechniken. Herausgreifen möchte ich zum einen den Mädchenkiefer-Artikel von Susumo Sudo und Masahiko Kimura über die Auswahl des ersten Haupt-astes (Sashi-eda) und zum andern den von Matsuo Kushida über die Vermehrung und Aufzucht von Schwarzkiefersämlingen.
Eigentlich haben Sudo und Kimura keinen gemeinsamen Artikel verfasst, für das Buch wurden ihre beiden Artikel kombiniert. Das macht insofern Sinn, als sie ein gemeinsames Thema haben. Sudo stellt verschiedene Möglichkeiten der Positionierung des Sashi-eda mit Hilfe digital veränderter Fotos vor, Kimura entfernt den ersten Ast und erreicht durch leichte Winkelveränderung des Stammes eine neue Balance des Bonsai. Beide machen klar, wie stark das Erscheinungsbild, ja der Charakter eines Bonsai von seinem wichtigsten Ast geprägt wird. Der Sashi-eda, richtig ausgewählt und positioniert, ist somit nach der Stammlinie das entscheidende Schlüsselelement bei der Gestaltung von Kiefern. Diese benötigen eine klare Struktur, um ihre ganze Kraft entfalten zu können. Sudo und Kimura machen das an ihren Beispielen sehr deutlich.
Von ganz anderer Art ist der Artikel von Matsuo Kushida, einem innovativen Pionier der Kiefernzucht. Seine Sache ist die Sämlingsvermehrung beginnend mit der Sammlung von Kiefernzapfen von den Mutterpflanzen, die besonders günstige Eigenschaften zeigen. Sein Artikel mit vielen Zeichnungen fasst verschiedene Techniken zusammen. Dabei geht es z.B. um Sämlinge, die zu Stecklingen geschnitten werden, um bessere Nebari zu erhalten. Letztlich kann man mit Hilfe dieses Artikels fast ohne finanziellen Einsatz hervorragende Kiefernbonsai entwickeln. Herr Kushida stellt seine großen Kenntnisse über das Wachstum von Kiefern auf praktische Weise dem Leser zur Verfügung und leistet seinem Ziel, der Bonsaikultur von Beginn an, damit einen großen Dienst.

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Wie versprochen noch eine kurze Einschätzung eines neuen Werkes. Das quadratische Buch scheint sich, durch Form und eine Seitenlänge von 18 cm, zu einem „richtigen“ Bildband zu verhalten, wie ein Innenhofgarten zu einem Landschaftsgarten. Wie ein komprimierter Extrakt verdichtet dieses Buch die Vielfalt kleiner bis kleinster Japanischer Gärten, manche tatsächlich kaum größer als ein Bildband. Oft geht es nur um eine Pflanze mit etwas Moos und ein paar Steinen, was Sie sicher an Felsenpflanzungen, Gruppen oder windgepeitschte Bonsai erinnert, die ja Landschaftsausschnitte darstellen.
Mich hat dieses Buch auf über 220 Seiten immer wieder angeregt, über meinen Balkon und ungenutzte Ecken im Garten nachzudenken und Ideen zu entwickeln, wie man diese kleinen Räume gestalten kann. Dieser Minibildband erschien mir wie eine Brücke zwischen Bonsai als weitgehende Abstraktion einer Natur-szene und dem japanischen Garten mit seinen konkreten Übertragungen aus der Natur ins häusliche Umfeld. Die gezeigten winzigen Gärten sind sowohl abstrakt in ihrer geistigen Dimension als auch konkret in ihrer Sinnlichkeit, und dadurch ein wertvoller Aspekt der japanischen Gartenkultur.

Pines.
Bonsai Today Masters’ Series.
184 Seiten, engl., 21,5 cm x 27,8 cm, durchg. farbig, Softcover, 29.90 Euro.

Winzig kleine Gärten – Von der Faszination japanischer Innenhöfe.
Freeman, M.
224 Seiten, 17 cm x 18 cm, viele farbige Abbildungen, Hardcover, 24,95 Euro. 

 

Vorschau BONSAI ART 92

„Bonsai Art Noelanders“

von Marc Noelanders

Vielleicht wundert es Sie, hier eine Rezension zu einem Buch zu lesen, das bereits im Heft des Bonsai-Club Deutschland  besprochen wurde. Für den Rezensenten Michael Kreuz ist dieses Buch, genau wie für John Y. Naka, ein wirklich zu empfehlendes großartiges Kleinod. Muß bei solchen Empfehlungen überhaupt noch etwas zu diesem Buch gesagt werden? Macht es eigentlich noch Sinn, ein Buch, das schon eine gute Weile auf dem Markt ist, vorzustellen? Ich meine ja, denn auch dieses Buch hat, wie alle anderen Bücher auch, Stärken und Schwächen, die ich im folgenden aufzeigen möchte.

 

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Marc Noelanders zählt sich selbst zu den modernen Bonsaigestaltern. Das heißt nicht, daß er die traditionelle Bonsaigestaltung ablehnt. Noelanders hat in Japan Bonsai studiert. Er beherrscht die Sprache der Menschen, für die Bonsai oft über Generationen selbstverständliches Alltagsgeschäft ist und war. Marc Noelanders hat bei verschiedenen Meistern gelernt und als Europäer den Vorteil, nicht im Schulen-Denken befangen zu sein. So lernte er, die klassischen Techniken anzuwenden und wertzuschätzen. Gleichzeitig kam er mit radikalen neuen Verfahren in Berührung. Aus diesen beiden Weltenentwickelte er seine Art, Bonsai zu gestalten.
Dieser Integration steht noch eine andere zur Seite. Noelanders arbeitet, anders als hier lebende japanische Gestalter, immer wieder mit für jeden erreichbarem Ausgangsmaterial. Es gibt in Europa keine ausgeprägte Bonsai-Baumschulkultur. Das heißt, im Gegensatz zu Japan (bzw. dem fernen Osten) findet man bei uns Rohmaterial für Bonsai hauptsächlich in normalen Baumschulen (sieht man von vorgestalteten, importierten oder in der Natur ausgegrabenen Bäumen einmal ab). Folglich hat man es hier mit der ganzen Palette nachlässiger Kultivierung zu tun (schlechte Wurzelansätze, mangelhafte Verjüngung, unpassende Proportionen usw.). Mit diesen Bedingungen konfrontiert, hat er sich in vielen Gestaltungen von solchem Baumschulmaterial um den Transfer östlicher Möglichkeiten auf westliche Bedingungen bemüht. Daß ihm diese schwierige Integration gelungen ist, zeigt dieses Buch. Insofern zeigt es die Art von Noelanders, Bonsai zu gestalten.
Wie schlägt sich dieses Bemühen nun in seinem Buch nieder?
Noelanders hält sich mit selbst verfaßten Einschätzungen zurück. Er läßt John Y. Naka, Paul Lesniewicz und einen seiner Schüler schreiben, was sie über ihn und seine Art der Gestaltung denken. Auf den gut hundert Seiten äußert er sich nur technisch beschreibend zu seinen Werken. Noelanders Buch ist vor allem auf die Vermittlung seiner Techniken ausgerichtet. Diese Techniken sind Lösungen von Problemen, die so nur bei Baumschulpflanzen (und Yamadori) vorkommen.
Ein Beispiel: Eine Balsamtanne, gekauft mit der Vorstellung, einen Doppelstamm daraus zu gestalten, entpuppt sich aufgrund eines um 20 cm tiefer liegenden Wurzelansatzes als Problembaum. Der Stammansatz ist zwar dick, paßt aber nicht zu den Ästen, deren Grün viel zu weit entfernt von der Basis ansetzt. Noelanders zeigt, daß die Lösung dieses oft auftretenden Problems (
Wie bringe ich die Grünbereiche näher zur Stammbasis?) durch zwei radikale Richtungswechsel in einem Ast möglich ist. Hier verwendet er auch ein Werkzeug, das man sonst wenig in den Händen von Gestaltern sieht. Ein sogenannter Seilspanner, im Eisenwarenladen billig zu erstehen, dient dazu, starke Biegungen millimeterweise durchzuführen. Der Vorteil gegenüber einer manuellen Biegung liegt in der perfekten Kontrolle, die man so jederzeit über den Biegevorgang hat.

Noelanders zeigt in dieser und in zweiundzwanzig anderen seiner insgesamt sechsundzwanzig dokumentierten Gestaltungen seinen flexiblen Umgang mit zum Teil schwierigem Material. Auf der Basis traditioneller Techniken allein wären viele der Pflanzen nicht zu Bonsai zu gestalten. Mit modernen, zum Teil umstrittenen Methoden im Repertoire entdeckt er neue Möglichkeiten des Materials.

Neben dieser innovativen Seite findet man aber auch geradezu klassische Gestaltungen. So wird zum Beispiel eine Sachalinfichte in streng aufrechter Form (ein bei Saburo Kato gekaufter Baum) gerade nicht radikal umgestaltet, sondern  entsprechend ihrer ursprünglichen Gestaltungsidee bearbeitet. Kein spektakulärer, aber ein großer Bonsai.

In all diesen Facetten zeigt sich Noelanders Art des Bonsai. Man kann über bestimmte gestalterische Lösungen durchaus geteilter Meinung sein. Wenn man aber als ein Kriterium für die Fähigkeiten eines Gestalters danach fragt, welchen Zugewinn an Schönheit eine Pflanze durch die Gestaltung erfahren hat, sind die Leistungen von Marc Noelanders sehr hoch einzuschätzen.

Noch ein Wort zum Buch selbst. Ich hätte mir an manchen Stellen klarere Formulierungen gewünscht. Das, was Noelanders auf gestalterischer Ebene gelungen ist, kann er leider nicht zur Gänze in Text und Darstellungen übersetzen. Die Chance eines Europäers, sozusagen aus erster Hand japanisches Wissen, verbunden mit einer analytischen Perspektive, aufbereitet vorzulegen, hat er nicht ganz wahrgenommen. Vielleicht ist das aber auch zu viel verlangt. Die abschließende Bearbeitung des Textes scheint allerdings dem Druck zur Veröffentlichung zum Opfer gefallen zu sein. Tippfehler und Sinnentstellungen legen Zeugnis davon ab. Eine redaktionelle Nachbearbeitung ist bei einem Buch für 49 DM jedoch nicht zuviel verlangt.

 

 

„Gestaltung Japanischer Gärten“

von Marc Peter Keane

„Schon wieder ein Gartenbuch“ werden vielleicht einige denken und nichts als die Überschrift dieses Textes lesen. Das wäre schade, denn M. P. Keanes Buch kommt zwar wie ein schöner Bildband der Gartengestaltung daher, ist aber viel mehr. Keane stellt uns, wie es P. L. Houser in seinem Vorwort schreibt, ein etymologisches Wörterbuch, eine Grammatik und ein Lexikon zur Entzifferung der japanischen Gestaltungsästhetik zur Verfügung. Dieses Buch thematisiert somit auch die Grundlagen der Gestaltung von Bonsai.

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Wie schon oft von mir beklagt, fehlt es in der deutschsprachigen Bonsailiteratur an Werken, die die Hintergründe der Japanischen Kunst vor allem in Bezug auf die Bonsaigestaltung transparent machen. Das Besondere an diesem Buch besteht nun darin, dass der Autor sein großes Verständnis der japanischen Ästhetik auf prägnante Weise darstellen und aus einem überschaubaren Bedingungsgefüge ableiten kann.
Die Sprache ist die wichtigste Symbolisierungsform einer Kultur. In ihr und durch sie bringen Menschen aus einem Kulturkreis ihre Vorstellungen über die Welt zum Ausdruck. Neben der Sprache gibt es natürlich noch viele andere Ausdrucksformen, zu denen auch die Garten- und die Bonsaikunst gehört, deren Codes jedoch immer auch sprachlich vermittelt sind. Geht man den zentralen Begriffen dieser Künste nach und klärt ihren Ursprung bzw. ihre Entwicklungsgeschichte, so werden die komplexen Zusammenhänge zwischen diesen scheinbar rein ästhetischen Begriffen und anderen kulturellen Aspekten (z.B. religiösen, ökonomischen oder politischen) deutlich. Kurz: Die etymologische Be-griffsanalyse ermöglicht ein komplexeres Verständnis einer Kultur.
Keane geht in seinem Buch diesen Weg. Anhand zentraler ästhetischer Begriffe geht er durch die einzelnen Epochen japanischer Geschichte. Die jeweils besonderen gesellschaftlichen Zusammenhänge und Verwerfungen brachten jeweils neue kulturelle Formen hervor, die sich wiederum in ästhetischen Haltungen und entsprechenden Begriffen niederschlugen. Die unter der Überschrift KREATIVE INSPIRATION versammelten Beiträge gehen von den vorgeschichtlichen Ursprüngen über die Gärten der Heian-Aristokratie und des Zen-Buddhismus, die Tee- und Tsubogärten zu den Wandelgärten der Edo-Zeit. In diesem Buch wird man jedoch mit der Fülle der verschiedenen japanischen Begriffe nicht alleine gelassen. Der Autor ist vielmehr in der Lage, diese in einen lebendig dargestellten gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Hierzu ein kleines Beispiel: Um die Ursprünge der Gartenkunst zu beleuchten, bezieht sich der Autor auf ein Paradigma des japanischen Gartens, das Gleichgewicht von natürlicher und künstlicher Schönheit. Die Entstehung dieses Leitprinzips fällt mit der Entstehung der bäuerlichen Gesellschaft zusammen und drückt sich in den Begriffen niwa und sono aus. Als die Menschen noch überwiegend Jäger und Sammler waren, bezeichnete niwa das Territorium, in dem sie diesen Tätigkeiten nachgingen. Nachdem durch den Ackerbau die Landschaft verändert worden war, hieß dieser Bezirk sono. Die ursprüngliche Bedeutung von niwa entspricht also der Vorstellung ungestalteter, die von sono gestalteter Natur. Beide Begriffe werden bis heute für die Bezeichnung von Gärten verwandt. Zusammengezogen und chinesisch teien ausgesprochen, meint er soviel wie Gartengestaltung und ist der in Japan am häufigsten verwendete Begriff für Garten. Das Gestaltete und das Ungestaltete ist zu einem in sich widersprüchlichen Ganzen gefügt.
Was sich in dieser knappen Rezension ein wenig akademisch und blutleer darstellt, wird vom Autor lebendig und bilderreich beschrieben. Er läßt den Leser immer wieder neu auf die sich verändernden Gartenwelten blicken.
Nach der Klärung der Grundlagen widmet sich der zweite Teil des 185-seitigen Buches der GESTALTUNG. Die Prinzipien, Techniken und Elemente der Gestaltung werden knapp dargestellt. Bei den Prinzipien geht es um das
Warum, bei den Techniken um das Wie und bei dem Elementen um das Womit der Gestaltung. Auch hier gibt der Autor die Antworten auf diese Fragen so fundiert und allgemeingültig, dass es leicht ist, davon für die Bonsaigestaltung zu profitieren. Oft reicht es, statt des WortesGarten das WortBonsai einzusetzen, und erhellende Einsichten über bisher Unverstandenes stellen sich ein.
Zum Schluss möchte ich noch kurz die formalen Daten angeben. Das Buch hat in etwa DIN A 4 Querformat und ist hochwertig ausgestattet. Es ist 1999 bei Ulmer erschienen und mit zahlreichen ausgezeichneten Fotografien von Haruzo Ohashi illustriert. Zudem enthält es noch viele hervorragende Zeichnungen des Autors, die mehr noch als die Fotos das Wesentliche des Dargestellten ausdrücken.

Ich konnte nur sehr gerafft die Reichhaltigkeit dieses Buches vorstellen. Für mich ist es eine echte Entdeckung und zählt zu meinen persönlichen
Klassikern. Marc Peter Keane ist es gelungen, in diesem Buch etwas von dem Geschmack japanischer Ästhetik einzufangen. Sein eigener Weg, der, wie er in der Einführung schreibt, durch die subtile Qualität eines japanischen Märchenbuches angeregt wurde, findet in seinem eigenen Werk eine würdige Entsprechung.