Ästhetik und Bonsai. Ein praktischer Ratgeber“

von Francois Jeker

Denjenigen unter Ihnen, die diese Kolumne regelmäßig lesen, wird aufgefallen sein, dass ich des Öfteren den Mangel an Büchern in einem bestimmten Segment unseres Hobbys, nämlich dem der Ästhetik, beklagt habe. Jede Äußerung, die hierzu in einer neuen Veröffentlichung gemacht wurde, habe ich angemessen zu würdigen versucht. Meistens jedoch waren nur einige knappe Gedanken zu diesem Thema zu finden. In diese Wüste verspricht nun ein Franzose Regen zu bringen. Dass er es ernst meint, zeigt sich allein schon darin, dass er das Risiko, sein Buch im Eigenverlag herauszubringen, auf sich genommen hat.

Jeker.jpgFrancois Jeker ist sicher nur wenigen von Ihnen bekannt, aber viele werden mindestens eine seiner grafischen Arbeiten kennen: Er zeichnete den Bonsai - eine Kiefer - für das Plakat der 4. World Bonsai Convention, die im Juni in München stattfindet. Dort ist er auch einer der Demonstratoren. Diese Kiefer ziert nun auch den Einband seines Buches. Als Künstler hat Jeker sich seit Beginn seiner Beschäftigung mit Bonsai in den frühen 80er Jahren mit ästhetischen Fragen auseinandergesetzt. In seinem jetzt erschienenen Buch gibt er uns einige Hinweise und Begriffe an die Hand, die uns helfen können, die Bedingungen für das zu verstehen, was wir Schönheit nennen.
Jeker sieht Bonsai als eine zutiefst in der japanischen Kultur verankerte Kunstform, die jedem, der auf sie trifft, zuerst einmal Staunen abnötigt. Bonsai ist damit auch immer etwas Fremdes und Geheimnisvolles, was es zu enträtseln bzw. zu entschlüsseln gilt. Die Schlüssel für diese vor uns aufgestellten Rätsel, die wir Bonsai nennen, finden sich in der japanischen Kultur. Ein Beispiel dafür ist die japanische Schreibweise von rechts nach links. Wenn Sie diese Zeilen lesen, wandern Ihre Augen von links nach rechts. Das noch nicht Gelesene, das Zukünftige, liegt rechts, das Vergangene, schon Gelesene, links. Ähnlich lesen wir auch Bilder oder Bonsai. Die windgepeitschte oder die geneigte Form, alle Stilformen, die eine starke Richtung aufweisen, lesen wir gewöhnlich leichter, wenn sie nach rechts geneigt sind. In Japan ist es genau umgekehrt, die gewohnte Perspektive ist nach links orientiert. Wir empfinden das als rückwärts gewandt, an der Vergangenheit statt an der Zukunft orientiert.
Das ist nur ein Beispiel für die Vorgehensweise Jekers. Auf den nahezu 150 Seiten seines Buches handelt er, nachdem er einen kurzen Einblick in die japanischen Vorstellungen von Schönheit gegeben hat, zehn ästhetische Prinzipien unter folgenden Begriffen ab: Regel, Leere, Raumtiefe, dynamisches Gleichgewicht, Impuls, Bruch, Kompaktheit, Asymmetrie, Rhythmus und Einheit. Den Abschluss bilden fast dreißig Bonsai, an die er beispielhaft die ästhetischen Prinzipien anlegt und zwei ausführliche Anleitungen dazu gibt, wie man aus Rohpflanzen Bonsai entwirft und nach den erarbeiteten Kriterien strukturiert und weiterentwickelt. Diese letzten fünfzehn Seiten sind der praktische Teil des Buches.
An dieser Stelle möchte ich kurz auf das wirklich Neue diese Buches eingehen: die ästhetischen Prinzipien und wie sie an Bonsai diskutiert werden. Nachdem Jeker die allgemeinen Regeln für Bonsai, so wie wir sie alle kennen, kurz dargestellt hat, ist sein Anliegen vor allem das, was oft pauschal als Gesamteindruck bezeichnet wird, genauer zu betrachten. Er beginnt dabei fast paradox mit der Leere, also mit etwas, das nicht Bonsai ist und trotzdem dazu gehört. Auch an dieser Stelle schlägt der Autor die Brücke zwischen der europäischen Kunst und asiatischen Vorstellungen, wenn er Rembrandt oder Caravaggio anführt, deren Bilder oft über zwei Drittel Leerraum (Negativräume) aufweisen. Leere meint dabei allerdings nicht Nichts, sondern den durch den strukturierten Umriss des Baumes gestalteten Übergang in den ungestalteten Raum. Jeker möchte unsere Aufmerksamkeit auf die Übergänge, auf das bisher nicht Beachtete lenken. Das gelingt ihm nicht nur in diesem, sondern auch im Falle der anderen Prinzipien. Immer wieder hat man ein Aha-Erlebnis. Es fällt mir nicht leicht, noch einige kritische Anmerkungen zu machen. Das Buch liegt mir aber zu sehr am Herzen, um dies zu versäumen. Insbesondere in der Diskussion der beispielhaften Bonsai habe ich die nötige kritische Distanz den Werken europäischer Gestalter gegenüber vermisst. Hätte Jeker die gerade zuvor aufgestellten Prinzipien wirklich konsequent auch auf seine eigenen Bonsai angelegt, so wären seine Einschätzungen von größerer Klarheit gewesen. So scheinen doch einige Gefälligkeitsgutachten dabei zu sein.
Leider sind auch im theoretischen Teil manche Erläuterungen vielleicht etwas zu knapp ausgefallen. Auch der Übersetzung merkt man an, dass sie wenig von der Kenntnis bereits eingeführter Begriffe beeinflusst wurde. Nichtsdestotrotz weisen die klar auf Bonsai bezogenen ästhetischen Prinzipien jedem Gestalter, egal, ob er ihn bewusst gestaltet oder einfach wachsen läßt, deutlich auf neue Felder hin, die vielleicht noch zu beackern sind. Insgesamt gesehen setzt dieses Buch einen echten Meilenstein auf dem Weg zu einem besseren Verständnis von Bonsai.

„Bonsai, Geist und Materie“ von Salvatore Liporace

Nach einigen Büchern, die sich vor allem mit Kulturformen beschäftigten, die Bonsai verwandt sind, kann ich diesmal wieder eine echte Neuerscheinung vorstellen. Das Buch von Salvatore Liporace, eine Dokumentation seiner wichtigsten Werke, ist gerade erst erschienen. Der Untertitel klingt wie ein Koan, eine paradoxe Frage, die zur Meditation gegeben wird: „Welche Farbe hat der Wind?“ Wir werden nach solchen Worten keine technische Bonsaifibel erwarten, sondern ein Buch, das tiefe Einsichten in Geist und Materie des Bonsai vermittelt. Kann ein solch hoher Anspruch erfüllt werden?

liporace.jpgDas Buch von Liporace ist edel ausgestattet (136 Seiten, Hardcover mit Schuber, Fadenbindung, durchgängig farbig, DIN A4). Die Texte sind nicht schwarz, sondern grau gedruckt, was eine dezente Zurückhaltung signalisiert: Die Bilder stehen im Vordergrund. Schon das Titelbild hat künstlerischen Anspruch. Der muskulöse Rücken eines Männer-körpers ist zu sehen, aus dessen Schulter-bereich ein Bonsai, quasi als Kopf, herauswächst: eine Illustration des Titels. Die Geschichte dieses Baumes werden wir im Inneren des Buches wiederfinden. Er scheint einer der Lieblingsbäume des Autors zu sein. Schlägt man das Buch auf, trifft man auf eine Widmung: „Dem Meister Masahiko Kimura, der Oase, die meinen Geist inspiriert hat.“ Liporace macht damit klar, und er tut es nicht nur an dieser Stelle, dass er sich an Kimura und dessen Werken orientiert. Damit sind die Eckpfeiler eines höchst ambitionierten Projektes gesetzt. An dieser Stelle möchte ich nicht weiter auf die zum Teil peinlich anmutenden Texte von Patrizia Cappellaro De Martino und Gianni Picella eingehen, die in einem weihevollen Ton aus Liporace eine auratische Figur zu machen versuchen.
An zwei Beispielen möchte ich zeigen, wie interessante Arbeiten durch den Ballast pseudophilosophischen Tiefsinns genau die Bedeutung verlieren, die sie zu erzeugen hoffen:
„Der große Alte“ ist eine Lärche, die Liporace ausgegraben und nach zwei Jahren gestaltet hat. Es ist der Baum, der den „Kopf“ des Bodybuilders auf dem Titel ersetzt. Er steht scheinbar für den Geist des Bonsai, während der „schöne“ Körper wohl für die Materie steht. In der Geschichte, die die Beschreibung der Gestaltung einleitet, geht es um einen alten Greis, dem durch liebevolle Pflege nun wieder Lebensmut gegeben wird und der so vor Verfall und Absterben bewahrt wurde. Das Motiv der Rettung, ein Motiv, das immer wieder das Sammeln von Bäumen in der Natur rechtfertigen soll, taucht hier auf. Warum ist diese Legitimation nötig? Scheinbar herrscht ein schlechtes Gewissen bei diesem Tun, und es gibt auch Gründe dafür, die in den Vorstellungen liegen, die man im Westen mit Bonsai verbindet: „Natur ist das, was der Mensch nicht bearbeitet!“, könnte man diese Position zusammenfassen. Als Menschen erheben wir uns über die Natur; bearbeiten wir sie, so ist das Kultur. Yamadori entreißt der Natur ein Stück und macht es zum Kulturgut. Da uns als Bonsaifreunden aber an der Harmonie mit der Natur gelegen ist, muss dieser aggressive Akt verleugnet werden. Zerstörerisch ist dann vor allem die Natur selbst, und wir können als Retter auftreten. Für Japaner besteht bzw. bestand dieser Widerspruch so nicht: Natur zerstört Kultur und umgekehrt, alles gehört zusammen. Kimura war einer der ersten, die Bonsai „unnatürlich“ gestalteten. Ihn scherte nicht, ob man einen Baum so in der Natur finden kann oder nicht. Warum auch, es ist ja Bonsai.
„Der große Alte“ steht nun in der Sammlung Liporace. Eine besondere Schale ist extra für ihn angefertigt worden. Diese neue Umwelt scheint mir für den Baum jedoch nicht angemessen. Scheinbar hat sich der Autor zu stark an genormten Vorstellungen über Halbkaskaden orientiert, statt ein Gefäß zu suchen, das wirklich dem Baum entspricht. Die Schale ist weich, rund, und es sieht so aus, als würde ein Teil der Wurzelbasis außerhalb liegen. Der Bonsai ist eckig, von Brüchen und eher geraden Linien gekennzeichnet, „männlich“ nennen das die Japaner. Mit einer passenden Schale könnte dieser Bonsai etwas dazu gewinnen.
Als zweites Beispiel möchte ich einen Baum diskutieren, den sich Kimura bei einem Besuch bei Liporace für eine Gestaltung wünschte. Warum er ihm diese Möglichkeit nicht gab, lässt der Autor offen, erwähnt aber eine Skizze, die Kimura angefertigt hat. Im Buch ist eine Skizze abgedruckt, die von Kimura stammen könnte und durch die sich der Autor in seinen eigenen Vorstellungen bestätigt sieht. Den Bonsai, den Liporace dann jedoch gestaltet, hat kaum etwas mit der Skizze, nehmen wir an, sie stammt tatsächlich von Kimura, zu tun. Weder die Stammneigung noch die Proportionen der Krone, noch die Schale entsprechen auch nur annähernd dem Entwurf des vom Autor bewunderten Meisters. Die Kiefer sieht eher aus wie eine Kobra-Schlange, das ist auch der Name, den sie von ihrem Besitzer bekommen hat. Der Name eines Bonsai greift in Japan jedoch meist nicht die ganze Form auf, sondern nimmt ein zentrales Detail (z. B. Rinden-struktur oder Totholzbereiche) auf und sucht eine Analogie. Dabei sind Tiere meist in ihrem mythischen Symbolgehalt angesprochen. Es zeigt sich auch in diesem Beispiel, wie Missverständnisse leicht zu tiefen Einsichten überhöht werden können.
Diese beiden Beispiele sollen jedoch nicht für das ganze Buch stehen. Aus den Texten, die die Bilder begleiten, kann der aufmerksame Leser einiges Wissenswertes ziehen. Auch die Dokumentation der Gestaltungen ist zum Teil recht eindrucksvoll und überraschend. Leider basieren die Fotos wohl auf Kleinbildformat, was bei den doch starken Vergrößerungen zu Qualitätseinbußen führt.
Alles in allem ist diese Buch für diejenigen zu empfehlen, die die Entwicklung der europäischen Bonsaigestaltung kritisch beobachten wollen. Die Antwort der Frage nach der Farbe des Windes findet sich auf der Rückseite: Es sei die Farbe der Freiheit. Ob in diesem Buch vor allem mit großen Worten viel Wind gemacht wird oder ob damit tatsächlich neue Freiheitsgrade aufgezeigt werden, muss schlussendlich jeder Leser selbst entscheiden.

"Bonsai Kusamono Suiseki" von Willi Benz

Praktischer Ratgeber zur Gestaltung von Arrangements mit Pflanzen und Steinen

 

Benz_bks.jpg Willi Benz hat sich mit diesem Buch einem Bereich zugewandt, der in der deutschsprachigen Literatur bisher stiefmütterlich behandelt wurde: der Präsentation. In den von uns für Bonsai eingeführten vier Entwicklungskategorien (Materialentwicklungs-, Strukturierungs-, Verfeinerungs- und Präsentationsphase) nimmt die Präsentation eines Objektes die höchste Stufe ein. In ihr gelingt es mehr oder weniger gut, die Qualität eines Bonsai, Suiseki oder anderen Objektes so zur Geltung zu bringen, dass eine atmosphärische Dichte, eine Anmutung oder ein Gefühl entsteht, das den Betrachter gefangen nimmt. Er kann durch diese Dinge der Natur etwas von der Natur der Dinge spüren, tritt in einen imaginären Raum, der künstlich arrangiert ist, jedoch als natürlich erlebt wird. Das zu erreichen ist eine Kunst. Benz beschreibt, wie es geht.
Dieses Buch ist ein Kraftakt. Bisher gibt es nichts annähernd Vergleichbares. John Naka hat in seinen Büchern einige Aspekte des Themas behandelt und auch Murata hat die Bedeutung der Jahreszeiten dargestellt und gewürdigt. Das Buch von Benz ist das Ergebnis einer akribische Recherche, es führt verstreutes Wissen vor allem aus dem asiatischen Bereich zusammen. Mit vielen erstklassigen Zeichnungen gibt es konkrete Hilfestellung bei prinzipiellen Fragen und Detailproblemen. Das 220 Seiten umfassende Werk ist theoretisch fundiert, dabei jedoch ausgesprochen deutlich an praktischer Anwendbarkeit orientiert. Benz setzt drei Schwerpunkte nach der Art der Hauptobjekte einer Präsentation: Suiseki, Bonsai und Kusamono („Grasbonsai“). Da dauerhaft in Schalen gepflanzte Arrangements aus Gräsern, Stauden und Blütenpflanzen (Kusamono) bei uns wenig bekannt sind, widmet er diesen einen etwas größeren Raum und behandelt auch deren gärtnerische Seite.
Wie und mit welchen Hilfsmitteln diese Objekte kombiniert und arrangiert werden, um bestimmte Wirkungen zu erzielen, ist Gegenstand der eher theoretischen Erörterungen und Konzepten auf den letzten fünfzig Seiten des Buches. Hier tauchen dann Begriffe auf, die hin und wieder auch in dieser Publikation (Bonsai-Art?) erwähnt wurden. Benz erläutert die Differenzen von formellen, halbformellen und informellen Arrangements (Shin, Gyo und So), aber auch Begriffe der Harmonielehre und macht Vorschläge für jahreszeitlich gebundene Arrangements.
Da dieses Buch voller Einsichten über Zusammenhänge von Stimmung, Gegenstand und Arrangement ist, möchte ich hier nur ein kurzes Beispiel dafür geben. Nachdem die Einzelelemente und deren Kombination ausführlich und durch viele Beispiele konkretisiert wurden, stellt Benz zwei Zeichnungen mit denselben Elementen noch einmal wie zu einer Abschlussbetrachtung einander gegenüber: Ein Suiseki, eine Bildrolle und ein Bonsai stehen in einer Tokonoma. Durch deren Größe ist nicht unmittelbar ersichtlich, welches der Elemente das Hauptobjekt darstellt. Erst durch die Platzierung, die sich am Lichteinfall orientiert, wird die Szene eindeutiger. Dadurch, dass der Suiseki im zweiten Bild einen höheren Tisch bekommt, ist eindrucksvoll belegt, wie geringe Akzentverschiebungen eine große Wirkung entfalten können.
Wie Sie sicher bemerkt haben, bin ich sehr froh darüber, dass ein solches Buch veröffentlicht wurde. Es füllt eine Lücke, die um so schmerzlicher ist, als das dadurch die mittlerweile auch in Europa ausgezeichneten Bonsai bisher oft nicht in angemessenen Arrangements präsentiert wurden. Meine Kritikpunkte beziehen sich vor allem auf die Form. Das Layout ist z.T. unübersichtlich und der Seitenumbruch unglücklich gewählt. Alte und neue Rechtschreibung geben sich ein Stelldichein, und die Fotos sind oft unklar. Jedoch scheint mir diese Kritik fast kleinlich angesichts der Arbeit, die Willi Benz auf sich genommen hat. Die Kritik, es handele sich ja um eine Form asiatischer Ästhetik, trifft nicht, denn in ihr gerinnt Naturschönes zu einer Form, die über weite Strecken universale Gültigkeit beanspruchen kann.


"Das Bonsai Handbuch"

von David Prescott, herausgegeben von Colin Lewis

In dieser Ausgabe habe ausnahmsweise ich die schöne Aufgabe, Ihnen ein neues Buch vorzustellen, das im vergangenen Jahr als Übersetzung aus dem Englischen bei uns erschienen ist. Harald Buß hatte es mir vorgelegt, unser Mann des Buchsortiments. "Brauchen wir das denn?" war meine erste Frage, ist es doch auf den ersten Blick ein "Allroundwerk" unter vielen anderen für mehr oder weniger engagierte Einsteiger. Diese Frage werde ich hier zu klären versuchen.

prescbonsai.jpgZunächst zu den Formalia: Das hardgecoverte Buch im Format 22 cm x 28,5 cm (ca. DIN A4) umfasst 160 Seiten, wurde vom Verlag Franckh-Kosmos durchgehend farbig in guter Druckqualität gestaltet und beeindruckt spontan durch ein sehr ansprechendes, ästhetisch gelungenes Layout. Das Werk gliedert sich nach Vorwort und Einleitung in 10 Kapitel plus Glossar und Register.
Nun zu den eher informellen Dingen: Das Buch entstand in englisch-südafrikanischer Produktion. Als Autor fungiert David Prescott, ein englischer Sammler, Schüler von Colin Lewis. Letzterer ist als "Berater und Herausgeber" genannt, wie auch immer diese Beratung ausgesehen haben mag. Sicher ist, dass kein Anfänger das Buch geschrieben hat. Das Bildmaterial stammt zum größten Teil aus Helmut Rügers Archiv, offenbar ist man auch international auf sein recht großes Repertoire aufmerksam geworden. Übersetzt wurde das Werk nun von Horst Stahl, bekannt als Buchautor, hier mehrfach in Erscheinung getreten.
Was ist nun das Besondere an diesem Handbuch? Beginnen wir mit dem zunächst einmal nichts sagenden Kapitel "Bonsai". Es finden sich dort leicht verständlich die wesentlichen biologischen Elemente eines Baumes erklärt als Grundlage zum Verständnis aller Pflegemaßnahmen. Außerordentlich wichtig, doch in den meisten anderen Büchern nicht zu finden.
Das Kapitel "Die Bonsai-Kunst" vermittelt grundsätzliche Informationen zur Ästhetik, erklärt das Gefühl, das wir beim Betrachten eines Bonsai zu vermitteln versuchen. Aber auch die bei Anfängern mitunter auf Ablehnung stoßenden Gestaltungen mit Totholz werden dem Einsteiger verständlich gemacht. Informationen zu den klassischen Stilen und zur Präsentation runden die Ausführungen ab.
Unter "Ihre eigene Bonsai-Sammlung" erfährt der Leser allerhand Wissenswertes zur Beschaffung, zu Qualitätsmerkmalen, aber auch zur Problematik der inflationär außerhalb des Fachhandels erhältlichen qualitativ minderwertigen "Indoor"-Ware.
Die folgenden Kapitel vermitteln die wichtigsten Kenntnisse zu Pflege, Gesundheits- und Formerhalt mit sehr gut nachvollziehbaren Skizzen und Fotos zu den Arbeitsgängen. Einige Aspekte trafen bei mir nicht gerade auf Begeisterung, so bin ich der Auffassung, dass die "Dochtbewässerung" in einem aktuellen Buch nichts zu suchen hat. Auch irritierten mich einige Fotos und Illustrationen, so z.B. zum "umsichtigen Anlegen" des Drahtes: Eine Windung weniger am Astansatz hätte durchaus genügt. Doch wie Sie sicher bemerken, fällt es mir nicht leicht, hier inhaltliche Fehler zu finden.
"Gestalten Sie Ihre eigenen Bonsai" heißt es im nächsten Kapitel. Die Möglichkeiten der Anzucht, der Vermehrung und des Sammelns werden erschöpfend mit all ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen erörtert. Recht gelungen, wie ich finde.
Der nächste Abschnitt "So beginnen Sie mit der Arbeit" befasst sich mit dem "Finden und Aufdecken der verborgenen Qualitäten", dabei geht es um das Einkürzen von Stämmen, die Bearbeitung von Totholzbereichen und das konkrete Gestalten anhand von Beispielen.
Die "Pflanzenportraits" stellen die Eigenheiten der geeigneten Spezies ausführlich dar, auf besondere pflegerische Fallstricke wird hingewiesen. Dabei wird kaum generelle Unterscheidung zwischen "In- und Outdoors" gemacht, es werden vielmehr die relevanten Bedürfnisse an den Standort ausgeführt. Das ist recht sinnvoll, sind doch die klassischen "Indoors" ausgezeichnet im Sommer draußen zu halten. Die besonderen Hinweise für die Überwinterung fehlen nicht.

Insgesamt bin ich durchaus positiv überrascht von diesem Buch. Wer sich als Einsteiger ein fundiertes Grundwissen aneignen möchte, ist hier sehr gut beraten. Die Sichtweisen und Erklärungen des Autors sind durchaus zeitgemäß, sie vermitteln auch dem Neuling ein Verständnis auch komplexer Zusammenhänge, für das viele von uns möglicherweise Jahre gebraucht haben. Meine eingangs gestellte Frage würde ich somit mit einem klaren "ja" beantworten: Das Buch kann einen wertvollen Beitrag zur Förderung des Bonsaigedankens leisten.


„Pflanzenkrankheiten erkennen und behandeln“ von Jochen Veser

„Ästhetik und Bonsai. Praktischer Ratgeber. Band 2“ von François Jeker

Veser_2007.jpgWer das Buch von Somm bzw. meine Besprechung an dieser Stelle in BONSAI ART 23 kennt, dem wird die Philosophie des Buches von Veser nicht fremd sein.
Auch in seinem Buch geht es um das Herstellen guter Wuchsbedingungen als besten Schutz vor Krankheiten. Erst dann werden Maßnahmen zur Bekämpfung zunächst einmal ohne Chemiekeule vorgeschlagen. Wenn damit kein Erfolg zu erzielen ist, wird quasi als letzter Verteidigungswall die Chemie zur Hilfe gerufen. Veser kommt dabei gänzlich ohne eine Ideologie aus, sei sie nun ökologisch oder Natur beherrschend. Ihm geht es um einen sinnvollen und angemessenen Umgang mit den häufigsten Bedrohungen unserer Pflanzen, und er sagt es deutlich, wenn keine Hoffnung auf Genesung besteht.
Zu erwähnen ist, dass der Autor natürlich bei der Beschreibung von beispielsweise Kiefernkrankheiten von Bäumen ausgeht, die aufgrund ihrer Größe natürlich im Normalfall nur eingeschränkt zu behandeln sind, was ja für unsere kleinen Bäume nicht in dem Maße gilt. Die genaue Beschreibung der Schadentwicklung erlaubt jedoch dem Bonsaianer leicht einzuschätzen, welche Bekämpfungsmethode in seinem Fall sinnvoll erscheint.
Nachdem bedauerlicherweise der Ratgeber zu Krankheiten unserer Bonsai von J.D. Somm vergriffen ist, fehlte ein an den praktischen Bedürfnissen der Bonsaianer orientiertes Buch, um Pflanzenkrankheiten zu erkennen und zu behandeln. Ulmers Büchlein ist wie geschaffen für die Diagnose und Therapie unserer geschwächten Lieblinge. Auch wenn es nicht speziell für unsere Zwecke verfasst wurde, gibt es mit 274 Farbfotos und 11 Tabellen viel praktische Hilfe und ist mit knapp 10 Euro auch noch sehr preiswert.

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Dies ist der Folgeband von Jekers Bonsaiästhetik Band 1, den ich im Januar 2001 rezensierte. Damals war ich sehr froh über das Erscheinen eines Buches mit fundierten Überlegungen zum Thema „Was ist schön im Bonsai?“
Der/die geneigte Leser/Leserin möge, um Jekers Vorgehensweise zu verstehen, die alte Rezension in Heft 45 nachlesen. Dort merkte ich bedauernd an, dass die Auswahl der Beispielbäume, die wesentlich in Europa kultiviert waren, die recht hohen Ansprüche von Jekers Vorstellungen vom Kunstschönen nicht ganz erfüllten. Den Vorwurf, dass die von Jeker analysierten Bäume „Gefälligkeitsgutachten“ ausgestellt bekamen, kann ich in seinem neuen Buch nicht aufrechterhalten.
In diesem zweiten Band hat er sich die Mühe gemacht, neun Kokufu - Bonsai detailliert zu zeichnen und dann zu analysieren. Er verwendet dazu die neun Elemente, die er im ersten Band zu Kategorien entwickelte: Leere, Raumtiefe, dynamisches Gleichgewicht, Impuls, Bruch, Kompaktheit, Asymmetrie, Rhythmus und Einheit. Jedes einzelne der Meisterwerke zeichnet sich durch die Betonung eines dieser Elemente aus und erzeugt dadurch im Betrachter bestimmte Emotionen. Darin sieht Jeker die herausragende Qualität bestimmter Bonsai. Das heißt für ihn auch, dass die Regeln, die für alle Bonsai gelten sollen, für einzelne, bestimmte Bonsai, die besonders pointiert gestaltet sind, nicht kategorisch gelten. Ein Baum, der den Anspruch erhebt, ein Meisterwerk zu sein, muss die Regeln überschreiten.
Nach der Analyse der ausgewiesenen Meisterwerke wagt sich Jeker dann an ein eigenes Projekt. Er gestaltet eine Bergkiefer. Dabei ist weniger die Bearbeitung im Einzelnen bemerkenswert - Ähnliches kann man in vielen Bonsaiheften dokumentiert finden - vielmehr schafft er es, den Leser für seine fortlaufend fragende Haltung an den Baum zu interessieren. Nach der ersten eher intuitiven Gestaltung stellt er diese auf dem Hintergrund der vorher beschriebenen Elemente in Frage, verändert die Krone und passt die Form des Shari an die Gesamtform an. Alles das erläutert er schlüssig und überzeugend.
Nach dieser Anwendung seines ästhetischen Konzeptes zeigt Jeker neun europäische Bäume, die z.T. von ihm gestaltet wurden. Den Abschluss bildet ein kurzer Text, in dem er sich gegen starre Regelanwendung und für kreativen, emotionalen Umgang mit Bonsai ausspricht.
Für mich ist dieses Buch eine sinnvolle und konsequente Ergänzung des ersten Werkes von Jeker, das jedem, der an Fragen nach dem Schönen im Bonsai interessiert ist, seine Antworten vermittelt. Ärgerlich für mich war erneut, das die Übersetzung verwirrende Begriffe verwendet (Jahresringe werden z.B. „Holzvenen“ genannt), obwohl sich ein bestimmter Sprachgebrauch eingebürgert hat. Übersetzung ist, wie unsere Redaktion aus eigener Erfahrung weiß, nicht nur eine Übertragung in eine andere Sprache, ohne die Sache wirklich zu verstehen. Ein verantwortungsvolles Lektorat hätte diesen Wehrmutstropfen im sonst reinen Wein dieses empfehlenswerten Buches vermieden.