„Deutschlands alte Bäume“, „Bäume, die Geschichten erzählen“ und „Unsere 500 ältesten Bäume“ von Uwe Kühn, Stefan Kühn und Bernd Ullrich sowie der Bildband der „Kokufu-ten 2009“

Kühn u.a.: Deutschlands alte BäumeKühn u. a.: Bäume, die Geschichten erzählen Ullrich u. a.: Unsere 500 ältesten Bäume

 

 

 

 

 

 

 

Das Autorentrio der Brüder Kühn mit dem Fotografen Bernd Ullrich initiierten 1996 das  „Deutsche Baumarchiv“, in dem die „schönen, alten und 1000-jährigen Bäume in Deutschland“ dokumentiert werden sollten. Das umfangreichste und neuste, wenn auch vom Format kleinste Buch ist der Naturführer „Unsere 500 ältesten Bäume“. In ihm werden die geografische Lage und die Biografie der eindrucksvollsten deutschen Bäume dargestellt. Das Buch erhebt den Anspruch, nahezu lückenlos die Literatur zu diesem Thema verarbeitet und flächendeckend recherchiert zu haben. Die Fülle des dargebotenen Materials lässt mich glauben, dass die Autoren nicht übertrieben haben. Mit diesem Buch lässt sich wunderbar von Baum-Veteran zu Baum-Methusalem reisen, begleitet von interessanten Geschichten dieser Wesen und der Menschen, die lange vor uns mit ihnen lebten.
Um sich mit einzelnen Bäumen noch genauer zu beschäftigen und um größere Fotos zu haben, ist ebenfalls in diesem Jahr der Bildband „Bäume, die Geschichten erzählen“ erschienen. Zu 100 Bäumen gibt es historische Hintergründe und große Fotos auf gut 160 Seiten im doppelten Format des eben beschriebenen Buches. Dieser Bildband mit seinen geschichtsträchtigen Texten und romantischen Bildern ist eine schöne Ergänzung zum Naturführer, wenn man seine Reise zu den Bäumen vorbereiten oder erinnern möchte.
Der Vorgänger dieser beiden Bücher (Erstausgabe 2002) ist 2007 in der fünften, erweiterten Auflage erschienen. „Deutschlands alte Bäume“ ist mit 200 Bäumen ein Bildband, der die Standorte und interessante Details ihrer Geschichte mit schönen Fotos darstellt. Dieses Buch war bis zur Neuerscheinung der beiden beschriebenen Bücher die Schatzkarte aller Baumfans. Wer etwas zum blättern für lange Winterabende und seinen Deutschlandurlaub sucht, findet eine große Auswahl großartiger lebender Naturdenkmale.

Kokufu 83 – der Bildband zur Kokufu-ten 2009Wacholder auf der Kokufu-ten 2009 Die Brüder Kühn haben sich ganz bewusst in den Grenzen Deutschlands bewegt – die will ich nun verlassen. Es ist wohl nicht nötig, die Ausstellungsbände der Kokufu-ten vorzustellen. So bin ich dazu übergegangen, einzelne Bonsai, die ich für bemerkenswert halte, auszuwählen und meine Gedanken aufzuschreiben. Das Motto dieser Rezension ist ja die Individualität der Bäume und fast jeder der etwa 500 abgebildeten Bonsai ist eine unteilbare Gesamtheit seiner besonderen Eigenschaften, um hier eine Definition vorzuschlagen. Das Besondere im Bonsai ist bekanntlich, dass die Schale und die Aufstellung mit zu der „Bonsai-Persönlichkeit“ gehören. Beim Chin. Wacholder auf Seite 60 scheint mir die wunderbare Kombination von Baum-Schale-Tisch besonders gelungen. Es ist kein „Important Bonsai Masterpiece“, aber ein klar aufgebauter und doch elegant feinsinniger Bonsai. Warum? Beginnen wir mit dem Stamm. Er ist gänzlich gespalten, eher leicht und wächst flankiert von zwei Saftbahnen in zuerst größeren dann schärferen Bögen aus dem moosigen Boden einer flachen, runden, dunkelbraunen Schale, die mit ihrem ausgezogenen Rand an eine Blüte erinnert. Auf einem Drittel der Höhe des Stammes teilt sich dieser in die drei Kronenbereiche. Links ein Gegengewichtsast, rechts der die Richtung vorgebende Sashi-eda und darüber die Spitze, die an die äußerst reduzierte Krone eines Bunjin erinnert. Folgt man der Linienführung mit den Augen, ergibt sich eine rhythmische Schwingung, eine Bewegung, die mal schneller, mal langsamer verläuft und immer wieder neue Abzweigungen findet. Auch der Umriss und die Negativräume sind locker, elegant, ohne harte Brüche. Dadurch wirkt die Krone insgesamt transparent und leicht. Die drei Grünbereiche sind eigenständig und trotzdem miteinander verbunden – etwa, wenn der Hauptast der Bunjin-Krone gleichzeitig den Spitzenast des darunter befindlichen  Grünbereiches ergänzt. Die Leichtigkeit, die im Kontrast zur Dramatik der weiten Totholzbereiche steht, wird noch durch den hohen, weiten und leichten Tisch unterstützt, dessen Füßchen tatsächlich auf Zehenspitzen zu stehen scheinen.

{ln:Deutschlands alte Bäume '„Deutschlands alte Bäume“}. Kühn, U.u.S., Ullrich, B. 192 Seiten. 24 cm x 30 cm,  farbig, Hardcover, 29,90 Euro.

{ln:Bäume, die Geschichten erzählen '„Bäume, die Geschichten erzählen“}. Kühn, U.u.S., Ullrich, B. 160 Seiten. 24cm x 30cm,  farbig, Hardcover, 29,90 Euro.

{ln:Unsere 500 ältesten Bäume '„Unsere 500 ältesten Bäume“}. Kühn, U.u.S., Ullrich, B. 320 Seiten. 17 cm x 21 cm, farbig, Softcover, 19,95 Euro.

{ln:Kokufu 83 (Japan-Import) '„Kokufu-Bildband 83“}. Ausstell. 2009. 288 Seiten. 26 cm x 25 cm, durchweg farbig, Hardcover, Schuber, 99,00 Euro.

Erschienen in {ln:BONSAI ART 097 'BONSAI ART 97} 

„Japanese Gardens“ von Geeta K. Mehta und Kimie Tada mit Fotografien von Noboru Murata und „Alles, was scharf macht“ von Egon Binder


Wenn Sie, obwohl Sie gesehen haben, dass ich ein Gartenbuch bespreche, diese Sätze lesen, werden Sie ein wunderbares Buch kennenlernen, das zwar in englischer Sprache vorliegt, dessen Bilder den Betrachter aber manchmal vor Staunen sprachlos machen. Also: Weiterlesen! Am Ende steht dann auch, was scharf macht.

Japanese Gardens Trotz meiner lockeren Einleitung kann ich mir vorstellen, dass viele von Ihnen eher skeptisch einem weiteren Buch über japanische Gärten gegenüberstehen. Die unüberschaubare Fülle der Veröffentlichungen zu diesem Thema kann abschrecken,  sich einem weiteren Buch dieser Kategorie zuzuwenden. Was soll es da schon Neues zu sehen oder lesen geben?
Das Buch ist einfach aufgebaut: Gut 200 Seiten teilen sich auf in eine Art Einleitung, die die unvermeidliche Beschreibung der Entwicklung der jap. Gartenkunst beinhaltet. Dann folgen jeweils Kapitel über Tempelgärten, Privatgärten und öffentliche Gärten. Am Schluss findet sich ein Glossar der Gartenbegriffe in Japanisch-Englisch und eine Danksagung. Die wenigen Seiten Einleitung sollte man in diesem Fall nicht überspringen, auch wenn die allgemein bekannte Entwicklungslinie der jap. Gärten erneut dargestellt wird, denn so gerafft und trotzdem kenntnisreich habe ich diese Entwicklung noch nicht vorgestellt bekommen. Die groben Linien werden aufgezeigt, einige Namen genannt, aber vor allem werden die für die jeweilige Periode vorherrschenden Prinzipien erläutert. Der Autor scheut sich auch nicht, die modernen Formen der Gartengestaltung, die mit Beton und ohne Leben auskommen müssen, zu bedauern und vorzuschlagen, sich diese trostlosen Orte als Gärten vorzustellen, die die Lebendigkeit traditioneller Gärten nicht verleugnen. Auch ordnet er die symbolischen Bedeutungen nach ihrem Stellenwert ein. In den traditionellen Gärten gäbe es zwar vieles zu enträtseln, aber sie sind auch einfach in ihrer Schönheit und somit auch für alle Menschen mit einem Sinn dafür zu verstehen. Diesen Text zu lesen hilft zu tieferen Einsichten in der Frage „Was ist ein guter Bonsai?“.
Dieses Buch ist der eher traditionellen Sicht auf jap. Gartenästhetik gewidmet. So finden sich auch die Gärten dargestellt, die unzweifelhafte Schätze dieser Kunst sind. Viele haben von diesen Gärten gehört und Bilder gesehen, vielleicht sogar schon selbst einen Blick auf sie geworfen. Die Fotos sind ausgezeichnet und heben die Besonderheit jedes dieser fantastischen Orte noch hervor.
Ich möchte jedoch fast ans Ende des Buches springen, um einen doch etwas anderen Garten zu erwähnen: Shunka-en, den Bonsaigarten von Kunio Kobayashi. In der letzten Ausgabe habe ich Michael Hagedorns Buch „Post Dated“ über seine Lehrzeit bei diesem Meister in diesem Garten rezensiert. Der Leser erfährt hier nun mehr über Herrn Kobayashi und dessen Hintergrund und Anliegen. Es wird auch deutlich, dass Bonsai als Quintessenz der Gartenkunst verstanden werden kann. Der Autor macht auch in diesem Kapitel, dessen Fotos den winterlichen Garten mit seinen beeindruckenden Bonsai zeigen, klar, worauf es ankommt. Wichtig ist, und dieser Aspekt wird auch im Westen immer mehr zur Kenntnis genommen, wie ein Bonsai gezeigt wird – seine Verfeinerung, die Schale, die Präsentation. Ein Bonsai ist sein eigenes Universum, das er erzeugt und neben dem alles beiseite tritt. Einen Sinn dafür zu entwickeln, dazu kann dieses Buch beitragen.
Alles was scharf macht Ach ja, zu guter Letzt noch ein kleiner Tipp zu einem trivialen Thema. Egon Binder hat einen knackigen Titel für eine einfache, aber wichtige Sache gefunden: Wie schärft man seine Werkzeuge? Der Autor ist, das spürt man sofort beim Blättern durch dieses empfehlenswerte Büchlein des Ulmer Verlags, ganz vernarrt in dieses Handwerk und es gelingt ihm, die gut 100 Seiten prall mit praktischen Informationen zu füllen. Alles, was stumpf werden kann, wird von ihm geschärft – bis hin zum Angelhaken. Speziell mit unseren japanischen Scheren und Zangen befasst er sich zwar nicht, aber die Methoden des Schleifens lassen sich mit diesem Buch verstehen und üben. Denn auch das Scharfmachen will gelernt sein.

Alles, was scharf macht. Messer, Scheren, Werkzeuge schärfen.
Binder, Egon.
121 Seiten. 13 cm x 19 cm, durchweg farbig, 9,90 Euro.

Japanese Gardens – Tranquility, Simplicity, Harmony (US-Import).
Mehta/Tada/Murata.
208 Seiten, 23,5 cm x 25 cm, durchg. farbig, engl., Hardcover, 34,90 Euro.

{ln:BONSAI ART 096 'BONSAI ART 96} 

„Post-Dated, The Schooling of an Irreverent Bonsai Monk“, von Michael Hagedorn und „Die Eibe in neuem Licht“ von Fred Hageneder


Zwei sehr unterschiedliche Bücher von Autoren, die deutschstämmige Namen tragen, aber im englischsprachigen Raum zu Hause sind, stelle ich Ihnen vor. Post-Dated (nachdatiert) beschreibt die Ausbildung des Amerikaners Michael Hagedorn bei Shinji Suzuki in Japan über zweieinhalb Jahre. Der Ethnobotaniker Fred Hageneder, in Hamburg geboren, lebt in Wales und legt ein Buch zur Eibe vor, das vor unterhaltsam aufbereiteten Informationen nur so strotzt.

hagedorn.jpg Schon im Untertitel findet sich Widersprüchliches zur Einheit verschmolzen: ir-reverent, je nachdem, ob man das ir mit liest oder nicht, bezeichnet sich Hagedorn als respektlosen oder ehrfürchtigen Bonsai-Mönch. Er ist beides und sein Buch ist von diesen Perspektiven auf seine Erfahrungen als Schüler von Shinji Suzuki geprägt. Zwischen 2004 und 2006 lebte und arbeitete er in Suzukis Bonsaigarten in Obuse in der Präfektur Nagano, drei Autostunden von Tokio. Das Buch befasst sich in zwei Teilen, man kann sie fast als zwei Bücher lesen, mit dieser Zeit. Der erste Teil ist nah dran am Leben als Auszubildender. Er beschreibt sehr unmittelbar und oft heiter anekdotenhaft Ereignisse dieser Zeit. Stress, Muskelkater, Mühe wer Berichte von Menschen gelesen hat, die in Japan Schüler eines Meisters welcher Art auch immer waren wird, vieles wiedererkennen. Aber diese Ereignisse wandeln sich mit der Veränderung, die im Autor vorgeht. Er sei in die Ausbildung gesprungen, wie in eine Pfütze, um dann zu merken, dass es der unendliche Ozean ist, in dem er schwimmt.
Der zweite Teil seines Buches beschäftigt sich mit den Auswirkungen dieser Erfahrung. Hagedorn versucht zu verstehen, für sich zu übersetzen, was „hinter Bonsai“ steckt. Worte können das nur schwer fassen und er erzählt taoistische Legenden, Geschichten aus dem alten China, die immer auch ein bisschen verrückt sind, um damit ein Gefühl, eine Atmosphäre in unseren Horizont zu über-setzen. Dabei spielt die physische Auseinandersetzung mit der Welt, im speziellen mit der Welt des Bonsai eine zentrale Rolle. Das Lernen findet nicht durch Belehrung statt. Suzuki vergibt Aufgaben und die werden erfüllt, oder nicht (gut genug). Nur wenige Sätze zitiert Hagedorn von seinem Meister, aber was er schreibt, gibt dem Leser einen Geschmack von dieser scheinbar so unverständlichen Welt.
Das kleine Paperback-Buch hat 216 Seiten und ist leider in einem Englisch verfasst, was neben den Schulkenntnissen auch ein Wörterbuch erfordert, um die Feinheiten verstehen zu können. Aber diese Mühe sollte man sich machen, wenn man im Ozean schwimmen will. Meiner Meinung nach ist es für jeden, den ernsthaft die Frage. „Was steckt hinter Bonsai?“ bewegt, eine notwendige Lektüre. Gleichzeitig ist es auch für diejenigen unterhaltsam zu lesen, die Spaß daran haben, mal eben in eine Pfütze zu springen.

Hageneder_Eibe.jpg Von Hagedorn zu Hageneder. Eine Mischung aus Bildband, wissenschaftlichem Werk und Essay ist diese Monografie – kurz: alles über die Eibe!
Das sagt der Autor zwar nicht über sein Werk, aber es scheint sein Anliegen gewesen zu sein, denn es war sicher eine enorme Fleißarbeit, die vielfältigen Daten, Fakten und Geschichten zusammen zu tragen. DINA4, Hardcover, hunderte Farbbilder, 320 Seiten, davon allein 55 Seiten Anmerkungen und Bibliografie – alles zu einem Gegenstand. Auch dieses Buch ist in zwei Teile gegliedert: Natur und Kultur. Sonst geht Hageneder sein Thema ganz anders an. Er ist der analytischen, westlichen Wissenschaftstradition verpflichtet, dringt in die feinsten Verästelungen vor, um diese schließlich zwischen zwei Buchdeckel zu packen. Ich vermute, dass man aus keinem anderen Buch so viele Details über die Eibe erfährt, wie aus diesem. Im Kulturteil finden sich Verbindungen in alle Welt und frühe Zeiten. Hageneder hat aber kein trockenes Faktensammelsurium verfasst, sondern man spürt seine Begeisterung für Bäume und deren Verbindung zu den Menschen. Weitere Bücher wie „Geist der Bäume“ und „Die Weisheit der Bäume“ zeigen sein weit gespanntes Interesse am Spirituellen, das auch im Eibenbuch durchscheint. Glücklicherweise benennt er manches mythisch wirkende Detail, ohne etwas „Überirdisches“ darin zu sehen. Man spürt aber im gesamten Buch den ehrenvollen Versuch, der Ganzheit der Eibe gerecht werden zu wollen.
Die Eibe, in neuem Licht – Es gilt Goethes Satz, den der Autor diesem Buch voranstellt: „Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“ Sich der Mühe auszusetzen, dieses Buch zu studieren, bringt nicht nur im Hinblick auf die Eibe Gewinn, sondern erweitert das Verständnis von der Beziehung von Baum und Mensch

„Post-Dated, The Schooling of an Irreverent Bonsai Monk.“ (Demnächst erhältlich)
Hagedorn, Michael.
215 Seiten. 12,5cm x 17,5 cm, einige s/w Abb., Softcover, 14,95 Euro.

{ln:Die Eibe in neuem Licht '„Die Eibe, in neuem Licht.“}
Hageneder, Fred.
320 Seiten. 19,4cm x 26,3cm, durchweg farbig, Hardcover, 39,90 Euro

{ln:BONSAI ART 095 'BONSAI ART 95} 

„Mit Moos begrünen – eine Anleitung zur Kultur“ von Jan-Peter Frahm und „Tropical Bonsai Gallery“ von Budi Sulistyo


Das kleine Büchlein über Mooskultur steht im Mittelpunkt dieser Besprechung. Sehr speziell ist sein Zuschnitt und passt so genau in den Interessenbereich der Bonsaifreunde. Endlich, so ist zu hören, ein Buch das konkrete Fragen nach dem grünen Teppich unter unseren Bonsai beantwortet.
Tropische Bonsai – nicht Zimmerbonsai – sind in einer beeindruckenden Galerie versammelt worden und zeigen das Potenzial dieser oft unterschätzten Arten, die das ganze Jahr Wärme und Sonne brauchen.


frahm_moose.jpg Unscheinbar, wie sein Gegenstand, ist dieses Buch über Moose und hat sich trotzdem auf Platz 1 unserer internen Verkaufsliste geschlichen. Also stelle ich Ihnen dieses Buch hier vor, denn so viele Leute irren sich nicht, oder doch? Softcover, gut 100 Seiten im DIN-A5-Format, einige (meist grüne) Farbbilder: So schaut es aus, das Buch über den Umgang mit diesen unscheinbaren Landpflanzen, die keine allgemein anerkannte Systematik haben. Der Autor ist Professor an der Uni Bonn und ein ausgewiesener Experte, ein Bryologe. Glücklicherweise hat er auf „Wissenschaftlichkeit“ zugunsten von „Lesbarkeit“ verzichtet. Frahm nennt Rezepte, Namen von Firmen und Orten, so dass sein Buch sehr „praktisch“ ist. Was erfährt man im Einzelnen?

Hier merkt man doch die genaue Strukturierung und die wissenschaftliche Herangehensweise. Viele Kapitel gliedern sich in viele Unterpunkte. Hundert Seiten mit fast 20 Kapiteln und nahezu auf jeder Seite ein Unterpunkt – da kann Struktur schon mal unübersichtlich wirken. Aber gleichzeitig kann man schon in der Inhaltsangabe viele interessante Punkte ausfindig machen. Etwa ist im Kapitel „Mooskultur im Garten“ der Unterpunkt „Klimatische Voraussetzungen“ wichtig, weil er auch uns Bonsaianern ganz nebenbei aufzeigt, dass Moosgärten wie in Japan auch bei uns nur in Gegenden möglich sind, die eine dauerhaft hohe Luftfeuchte aufweisen. Das braucht man z.B. auch für die Kultur der Rotfichte. Dabei hilft die Niederschlagsmenge nicht weiter – die kann ja auch bei fünf Gewitterregen niederprasseln – sondern da geht es um feuchtes Mikroklima, viel oder wenig Tau, der wieder von der Tag-Nacht-Temperaturdifferenz abhängt. Man kann viel lernen von Herrn Frahm, dessen Erfahrungen in der Praxis auch unseren Pflanzen zugute kommen können. Für Liebhaber tropischer Bonsai, die ja den Winter drinnen zubringen, ist eine Mooskultur auf der Erdoberfläche sicher auch attraktiv und kann eine natürliche Ausstrahlung der Bonsai unterstützen. Frahm weiß bei allen Sorgen Rat und selbst bei Fragen, auf die ich gar nicht gekommen wäre, gibt er Antworten. Sammeln, selbst durch Sporen vermehren, Moos als Schneckenschreck oder Wasserenthärter, alles drin in dem kleinen Büchlein, das eine etwas größere Schrift vertragen hätte und dann auch ein stattliches Buch geworden wäre. So ist es „nur“ ein kleines überaus empfehlenswertes Buch mit ganz viel drin über ein unscheinbares Thema.

tropical_bonsai.jpg Die Galerie tropischer Bonsai ist ebenfalls ein Softcover-Buch mit 236 Seiten, auf denen jeweils ein Bonsai abgebildet ist. Und was für Bonsai! Indonesische, d.h. tropische Bäume mit Totholz, die wirken wie uralte Kiefern oder Wacholder, Laubgehölze, die aussehen wie mächtige Baumveteranen, die Jahrhunderte unter Schnee und Eis gelitten haben. Man traut seinen Augen nicht, muss mehr als zweimal hinsehen, um dann doch die Blätter der Carmona zu erkennen oder die Nadeln der Casuarina, die eigentlich zur Ordnung der Buchenartigen gehört. Aber hier kommt man mit dem an Pflanzen der gemäßigten Breiten geschulten Blick nicht weiter, denn uns wird in diesen Bildern vorgegaukelt, solche Bäume vor uns zu haben. Die traditionelle Kiefernform findet sich hier in exzellenter Ausführung durchkomponiert bei einer Pemphis, einem Weiderichgewächs, das mit unserer Myrthe oder dem Granatapfel verwandt ist. Man mag eine so an einer fremden Formensprache angelehnte Gestaltung tropischer Pflanzen kritisch sehen, mich hat die extrem hohe Qualität der Verfeinerung verblüfft und beeindruckt. Bonsai hat eben doch seine eigenen Regeln und ist immer mehr auf dem Weg, eine abstrakte Kunstform zu werden, im Fall der tropischen Bonsai besonders, weil diese Bäume aussehen sollen, als seien sie nicht von dort.

Mit Moosen begrünen. Frahm, Jan-Peter.
106 Seiten, 10cm x 15cm, meist farbige Abbildungen, Softcover, 9,90 Euro

Tropical Bonsai Gallery. Sulistyo, Budi.
236 Seiten, 19cm x 23cm, durchweg farbig, Softcover, 29,00 Euro

{ln:BONSAI ART 094 'BONSAI ART 94} 

„30 Jahre Bonsai-Club Deutschland“


Ein Verein schenkt sich was zum Geburtstag. In diesem Fall ist es der BCD, der sich ein schönes Buch zu seinem dreißigsten schenkt, sich damit feiert, aber auch zeigt, was in ihm steckt. Neben den aktuellen Top-Bonsai aus den Reihen der Clubmitglieder, die den heutigen Stand der organisierten Bonsaikultur in Deutschland repräsentieren, hat der Club sich damit auch seine Geschichte geschrieben. Seine Teen- oder Twen-Zeiten hat er hinter sich. Wie die waren, kann man nun nachlesen.

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Zehn Seiten dokumentieren die Geschichte des Bonsaiclubs, dessen nationale Organisation immer zugleich ein Vorteil (zentrale Stelle, um alles rund um Bonsai zusammen zu bringen) und Nachteil (wenig Kontakt der Nicht-Süddeutschen) war. Die ewige Föderalismusdebatte aus der großen Politik zeigt, dass Deutschland insgesamt mit seiner Geschichte diese Widersprüche in sich trägt. Daran schließt sich eine Seite an, die Bonsai – ohne Club – seit 100 Jahren in Deutschland beschreibt. Auch hier ist der Autor Herbert Obermayer aus der „Dresdner Gruppe“, deren Ausstellung 2007 dieses Jubiläum zum Anlass nahmen.
Nun, wie auch immer man Geschichte oder Geschichten schreibt, 30 Jahre einen Club zu erhalten hat viel Arbeit gemacht und damit vielen Menschen den Zugang zu Bonsai ermöglicht. Dafür gebührt dem BCD Dank.
Kommen wir aber zu den aktuellen Bonsai, um die es ja eigentlich gehen soll. Davon sind in diesem Buch ca. 100 Exemplare abgebildet, von denen mehr als die Hälfte nicht aus dem Import stammen. Bonsai hat also nun seine Heimat auch im Westen gefunden. Was viele weitsichtige Japaner schon immer wussten, dass Bonsai eine Weise ist, Bäume zu sehen und diese Sichtweise anderen vorzustellen, hat sich zunehmend durchgesetzt. Auch ich dachte in den 80ern noch, echte Bonsai könnten nur aus Japan kommen. Dass es auch wahre Bonsai in Deutschland gibt, zeigen die ausgezeichneten Bilder dieses Buches.
Die Bilder machen aber auch klar, dass es „erst“ 30 Jahre – und meist sehr viel weniger – sind, die diese Bonsai der menschlichen Kultivierung ausgesetzt waren. Ein Beispiel: Nicht umsonst wird die nationale japanische Bonsai-Ausstellung (Kokufu-ten) im Februar, d.h. im Winter abgehalten. Die laubabwerfenden Bäume zeigen ja nur in der kalten Jahreszeit ihre ganze filigrane Schönheit. Die Jahresausstellung des BCD fand jedoch im Oktober statt. Die Ahorne und Co. standen dementsprechend in vollem Laub, oft noch nicht einmal in buntem. Da gibt es für den feinsinnigen Bonsaifreund kaum was zu sehen von der nackten Schönheit dieser Spezies. Nur wenige der ausgestellten Laubbäume werden aber die hohe Qualität der Feinverzweigung aufweisen, um derentwillen eine Ausstellung im Winter stattfinden müsste. Bleiben wir also bescheiden und schauen auf die bereits entwickelten Qualitäten, und derer sind viele.
Der Siegerbaum heimischer Herkunft – eine Fichte auf Felsen – hat eine Dramatik und ausgesprochen wild-natürliche Ausstrahlung, wie man sie auch in Japan nur sehr selten findet. Ein würdiger Träger der Goldmedaille. Auch diesem Bonsai ist die noch geringe Feinverzweigung anzusehen, aber hier gehört sie zu dem Konzept einer Kaskade, von deren Zweigen nur die vitalsten überleben und dichte Etagen unpassend wirken würden.
Solche Überlegungen wären auch an verschiedenen anderen Stellen angebracht, nämlich dort, wo schwere Stammverletzungen (Shari) und üppige Kronen eigentümliche Gemeinschaft bilden. Auch die Frage der Astgestaltung (Grundschulwissen des Bonsai) wird z.T. höchst individuell verstanden. Das führt zu Bonsai, deren Bewegung in den verschiedenen Ebenen nicht harmonisch gerichtet sondern auseinander strebend unentschlossen wirkt. Schade, denn oft könnten kleine Korrekturen den ganzen Bonsai sehr viel stimmiger erscheinen lassen.
Bonsai ist eine Schule des Sehens – eine, die in unserer Kultur nicht gelehrt wird. Der Club hat, vielleicht ohne es zu wissen, vor 30 Jahren mit dem Unterricht angefangen. Heute ist in dem vorliegenden Buch abgebildet, was die Mitglieder, deren Sehvermögen am weitesten entwickelt worden ist, erkennen und für andere sichtbar machen können. Zum Sechzigsten werden uns die Augen übergehen.

30 Jahre Bonsai-Club Deutschland
128 Seiten, durchgehend farbig, Hardcover, Schuber, 39,90 Euro